Exzellentes Management im Gesundheitswesen
24.03.17 17:25

Leitspruch

"Aufklärung ist der Ausgang des Menschen aus seiner selbstverschuldeten Unmündigkeit....

22.03.17 17:39

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26.05.17 14:19

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Eine E-Mail von healthcareDIVE brachte eine Erinnerung zurück: an...

23.05.17 18:24

(Fierce Healthcare) “Mit weniger Verschwendung die Patientensicherheit steigern”

“Putting a lid on waste: Needless medical tests not only cost $200B—they can do harm”

16.04.17 18:31

(blogridge) Führungsprinzipien beim aktuellen Gewinner des Baldridge Award

“Leadership Practices of 2016 Baldrige Award Recipients: Memorial Hermann Sugar Land Hospital”

14.04.17 18:42

(Health Leaders Media) Stationäre Versorgung im ländlichen Bereich: Anregungen

“In Remote Idaho, A Tiny Facility Lights The Way For Stressed Rural Hospitals”

12.04.17 12:27

Asklepios-Werbung im Hamburg-Newsletter „Elbvertiefung“ der ZEIT

“Unsere Kliniken verfügen über ein kontinuierliches Qualitätsmanagement, denn die Sicherheit Ihrer...

Willkommen!


Motto des Tages

“It is not necessary to change. Survival is not mandatory”

(W. Edwards Deming)

Quelle: Dennis R. Delisle, Executing Lean Improvements, A practical guide with real-world healthcare case studies, Milwaukee, Wisconsin 2015, p. 177.


01. Editorial

Change! In 2016.

Wer in der Krankenhausbehandlung angesichts rapide wachsenden ökonomischen Drucks zu den Besten gehören will, muss sich auf grundlegende Veränderungen einstellen: Er muss, was er an Qualität von Behandlung und Service behauptet, künftig plausibel nachweisen. Wirtschaftlicher Erfolg allein reicht nicht für ein erfolgreiches Überleben[1]. Das gewohnte Handeln an der Krankenhausspitze ist grundlegend neu zu denken.

Ergebnisorientiert, was die Erfahrung der versorgten Patienten mit Behandlung und Service betrifft und nicht allein unter generellem Mengen- und (Geld-)Wertaspekt. Mit einer sehr hohen Wahrscheinlichkeit, auch nicht im Zuge der Behandlung zu Schaden zu kommen. Und dies zu Kosten, die eine Verschwendung (z.B. durch unbewiesene / unwirksame Behandlungsmethoden) ebenso vermeiden wie jedes falsche Sparen (z.B. mit einer Stellenverknappung). Nachweislich. Nicht länger als bloße eminenzbasierte Behauptung.

Konzeptionell evidence based, was das routinemäßige Vorgehen betrifft[2]. In der Umsetzung in – abgestimmt – verbindliche, schriftliche fixierte hauseigene Regeln[3] und mit einem strikt darauf ausgerichteten patientenzentrierten realen Handeln. Mit auswertbaren (Zwischen-)Ergebnissen der Regelkonformität und der solchermaßen erzielten Ergebnisse[4]. Zur Arbeitserleichterung schon deshalb im Zuge einer strategisch ausgerichteten – in Deutschland bislang ungewohnten – klinikbasiert integrierten IT-Gesamtlösung.

Das erfordert neben der prinzipiellen Bereitschaft zum grundlegenden Wandel zum Besseren

  • Zielklarheit
  • Glaubwürdigkeit
  • Verlässlichkeit
  • Transparenz
  • Durchsetzungsvermögen
  • Disziplin
  • Geduld & Stehvermögen

Gestützt auf eine nachhaltig zielführendere Organisation als heute. Ohne – letztlich vor allem Partikularinteressen bedienende, ansonsten – dysfunktionale ‚Schnittstellen‘. Mit

  • klarem Behandlungsspektrum und eindeutigen Zielen (Behandlung, Service, Kosten)
  • bestmöglich standardisierten Behandlungsprozessen: evidence based[5]
  • einer Einbettung in eine patientenzentriert integrierte Prozesskette
  • darauf maßgeschneiderten Ressourcen & Strukturen[6]
  • einer integrierten IT als Rückgrat

Damit steht um einer besseren Lösung willen unausweichlich das gesamte bisherige Vorgehen im Hause gedanklich zur Disposition. Sich darauf einzulassen, erfordert

  • einen hinreichenden Leidensdruck – auch für die Menschen vor Ort
  • eine überzeugende Alternative. Mit klaren Vorteilen für möglichst alle Beteiligten
  • eine strategische road map auf dem Wege vom Ist zum Soll

Dazu gehören (nach internationalen Anregungen, die der Autor im Zuge seiner vielen Reisen als beachtenswert notiert hat) überzeugende Zusicherungen, z.B. einer

  • umfassenden Transparenz
  • Arbeitsplatzgarantie (Dienstvereinbarung!)
  • aktiven Beteiligung der Basis am Wandel

Derlei klingt angesichts der heutigen Krankenhausrealität im Lande gewiss zunächst einmal ‚praxisfern‘. Doch die Patienten werden den Wandel begrüßen. Die Mitarbeiter sicher auch. Eine bessere Alternative gibt es nicht. Ein Weitermachen wie gehabt führt ganz sicher in die Sackgasse: “It is not necessary to change. Survival is not mandatory” (W. Edwards Deming).


[1] Wie bei den rein ökonomischen Zahlenspielen des RWI zur absehbaren Überlebenschance angesichts der bestehenden Investitionsfähigkeit, vgl. RWI Krankenhaus Rating Report.

[2] Das ist wirklich ernstgemeint!

[3] Der vage Verweis auf „Leitlinien“ reicht dazu nicht! Hier sind, soweit möglich, abhakbare Behandlungsschritte (Checklisten) gefragt, die es wie in der Zivilluftfahrt interaktiv abzuarbeiten (und nicht etwa nachträglich auszufüllen) gilt.

[4] Bislang gewohnte globale Auswertungen – mit oder ohne ‚Routinedaten‘ – reichen dafür nicht, vgl. dazu Vortrag Gerd Antes auf dem IQWiG Herbst-Symposium 2015.

[5] „20% des Wissens, das Ärzte heute für ihre Diagnosen und Therapieempfehlungen verwenden, ist evidenzbasiert, der große Rest resultiert aus Erfahrung, ärztlicher Intuition und Halbwissen“, vgl. Mathias Reumann, IBM, bei Stephan Holzinger, Boris Augurzki, Netzwerkmedizin, Heidelberg 2015, S. 54.

[6] Ohne fächerbezogene ‚Silos‘. Manche sprechen auch von fachärztlichen ‚Duodezfürstentümern‘. Eine – trotz aller erfreulichen punktuellen Veränderungen- oft immer noch durchaus zutreffende Charakterisierung.

 


02 (Health Leaders Media) “Keine besseren ökonomischen Ergebnisse durch Konzentration auf bessere ökonomische Ergebnisse“

Donald Berwick on Better Care as a Route to Financial Success

Siehe auch

(H&HN) Don Berwick: Neun Schritte zur Beendigung einer Ära komplexer Anreize und exzessiven Messens

Don Berwick Offers Health Care 9 Steps to End Era of 'Complex Incentives' and 'Excessive Measurement'

Anmerkung:
Sehr anregend! Auch für Deutschland.


03. (ASQ) Virginia Mason berät britisches Gesundheitswesen

(ASQ) Virginia Mason berät britisches Gesundheitswesen

U.S. Hospital Group to Mentor NHS Trusts on Safety, Technology

 

 


04. (Healthcare Finance) Resistente Keime Herausforderung für die Nachschuborganisation

'Superbugs' create new challenges for hospital supply chain

 


05. (H&HN) “Praxis-Report: Wie kommt man zu rekordverdächtigen Reaktionszeiten bei STEMI“

Lessons from Three Years of Perfect STEMI Scores

 

 


06. (NIST) „Baldridge-Gewinner haben viel zufriedenere Patienten“

Baldrige Helps Health Care Organizations Provide Superior Patient Experience

 


07. (JAMA) “Messen verhindert Fehldiagnosen”

Measurement Is Essential for Improving Diagnosis and Reducing Diagnostic Error:  A Report From the Institute of Medicine


08. (NIST Insights) EC = C+E+L+L: Erfordernisse einer effektiven Kommunikation

"EC = C+E+L+L: Effective Communication Requires Caring, Explaining, Listening, and Living the Role".


09. Buchbesprechung

Johannes Jörg, Berufsethik und Ökonomie. Haben wir in der Medizin zu viel Ökonomie und zu wenig Ethik? Berlin-Heidelberg 2015

 

„If leaders really did care about profit, they would concentrate unremittingly on meeting the needs of people who came to them for help, but they aren’t. We aren’t“ (Donald Berwick, M.D.)

Diese – international schon seit längerem als gesichert anzunehmende – Erkenntnis hat sich hierzulande noch nicht herumgesprochen. Im Gegenteil! Umso erfreulicher ist es, hier ein erstes deutschsprachiges Buch eines Krankenhausmediziners, Hochschullehrers und (Berufs-)Ethikers besprechen zu können, das ökonomisches Denken nicht gleich a priori als Teufelszeug verdammt. Ein angesichts der sonstigen, geradezu gebetsmühlenhaften öffentlichen Verdammung hierzulande geradezu sensationell gelassene Ausnahme! Und eine erfreuliche Festtagslektüre.

Gleich zu Beginn des Buches präzisiert Jörg, was er unter „ethischem Verhalten“ zu versteht (S. 8): „die Einhaltung eines Wertesystems mit den Grundwerten Menschenwürde, Gerechtigkeit, Nächstenliebe, Fürsorge, Gleichberechtigung, Selbstbestimmung, Ehrlichkeit und Transparenz“. „Unter Ökonomie oder Wirtschaftlichkeit ist (für ihn) der kluge Umgang mit Ressourcen, Prozessoptimierung und Einhalt von Verschwendung zu verstehen“. Mit diesen Definitionen lässt sich gut arbeiten!

„Ökonomisierung“ den – mit allerlei irrationalen Assoziationen befrachteten – Kampfbegriff deutscher Standesfunktionäre versucht er ebenfalls zu erklären. Was naturgemäß nicht gelingen kann. Dabei muss es sich etwas handeln wie Geldgier, die sich zu Lasten einer sachgerechten Patientenbehandlung auswirkt. Gefühlt. Getrieben angeblich stets von Nichtärzten[1]. Der Begriff passt zu einem vorurteilsbefrachteten Weltbild, das eine Übervorteilung der Kunden mit ‚Geschäftsleben‘ gleichsetzt: Weshalb auch der Patient kein ‚Kunde‘ sein kann! Warum die Ärzteschaft sich dieser vermeintlichen Fehlentwicklung auch mit allen Kräften entgegenstemmt: Nur ‚ärztlichem Handeln ist Qualität danach stets immanent!‘ Und jegliche „Gewinnmaximierung“ unethisch. Ganz gleich ob Patienten gleich gut behandelt werden oder gar besser wegkommen. Ist eine Verschwendung von Versichertengeldern oder gar das Versinken in roten Zahlen bei gleichen Festpreisen ethischer?

Jörg steht dazu – was die Möglichkeiten und Grenzen des klinischen Betriebs betrifft – mit seiner Offenheit im Kontrast. In einer Reihe mit den besten seiner Kollegen in den USA. Zumindest belegen die ersten drei Kapitel den Fokus der Eigenverantwortung für medizinische und ökonomische Aspekte. Dann allerdings will er – typisch deutsch – gleich die äußeren Randbedingungen verändern. Was aus eigener Kraft nicht geht. Und jegliche Lösung auf den Sankt Nimmerleinstag verschöbe. Aussichtsreicher wäre es wohl, sich jenen Verbesserungen vor Ort zu widmen, die aus eigener Kraft möglich wären. Im interdisziplinären und multiprofessionellen Zusammenspiel. Tunlichst mit Rückendeckung der obersten Leitung des eigenen Hauses. Als Anregung und Vorbild für die Kollegen, für den eigenen Arbeitgeber und für die ganze Branche.

Jörgs Buch ist solide recherchiert und gründlich erarbeitet. Seine Argumentationsketten sind überzeugend. Wohltuend in Deutschland. Festgemacht an 17 Kasuistiken, in denen jeweils beide Aspekte des Buchtitels eine Schlüsselrolle spielen. Gebündelt zu der Forderung: ‚Ethik geht vor Monetik‘. Das sollte eigentlich immer und für jedermann gelten! Nicht nur für Ärzte.

Hier die zunächst Grundstruktur des – gerade einmal knapp 140 Seiten umfassenden, vom Verlag gut aufbereiteten und präsentierten – Werks:

Abkürzungsverzeichnis

1.       Einführung

2.       Ethik und Ökonomie in der Medizin

3.       Transparenz und Eigenverantwortung

4.       Ungleichbehandlung durch Ungleichbezahlung

5.       Kostenbeteiligung durch Patient und Arzt

6.       Zweiklassenmedizin oder Zweiklassenservice

7.       Patientenrechte und Patientenpflichten

8.       Liquidationsrecht und Abrechnungen nach GOÄ oder EBM

9.       Kosten- und Qualitätsbewusstsein

10.   Interessenkonflikte und Transparenz

Serviceteil
--  Schlussfolgerungen
--  Kasuistiken
--  Stichwortverzeichnis

Das Ganze ist eher kontemplativ angelegt, denn als (eigentlich wünschenswerte, längst überfällige) Handlungsleitschnur. Fürs Weiterlesen gibt es an jedem Kapitelende Literaturhinweise. Damit geht die – implizite – Aufforderung des Buches, das eigene Vorgehen oder gar die arbeitsteiligen Gepflogenheiten im eigenen Krankenhaus zu ändern, etwas unter. Was manchen Leser in die Gefahr bringt, das Ganze als gefällige Belletristik misszuverstehen, die man rasch beiseitelegen kann. Oder gar (ab Kapitel 4) als Klage über Dritte. Aber nicht als eine Aufforderung zum Umdenken. Das wäre schade. Denn das Thema ist in der einschlägigen deutschsprachigen Fachliteratur schon lange überfällig. Dazu ein paar Erläuterungen. Kapitelweise:

  • Zu 1   Einführung:
    Der Autor macht anhand je eines Behandlungsbeispiels aus der GKV- und der PKV-Welt deutlich, worum es ihm geht: Um das „Ziel einer gerechten und bezahlbaren medizinischen Versorgung auf höchstem Niveau“ (S. 4). Das könnte – und müsste – verbindlich auch oberstes Ziel eines jeden Krankenhauses sein. Und damit zwangsläufig auch aller seiner Angehörigen. Und nicht nur der Ärzte.
  • Zu 2   Ethik und Ökonomie in der Medizin:
    Nach je einer – plausiblen – Definition von ethischem und wirtschaftlichem Verhalten folgt die hierzulande verbreitete, aber wohl eher falsche These eines heutzutage überbordenden ökonomischen Denkens im Gesundheitswesen zu Lasten des Patienten. Das gab es schon immer. Es verschwand wohl früher nur stärker in ideologisch verbrämtem Nebel. Die öffentliche Kritik aus der Ärzteschaft setzte erst ein, als Dritte (‚Laien‘) begannen, die Sinnhaftigkeit und Wirtschaftlichkeit ärztlichen Handelns kritisch zu hinterfragen.
    Die Machtverschiebung an der Krankenhausspitze zugunsten medizinisch ahnungsloser Jung-Ökonomen tat – verstärkt durch eine beiderseitige Sprachlosigkeit – ein Übriges, das Gefühl aufkommen zu lassen, ökonomische stünden bei diesen über medizinischen Aspekten. Jörg verweist zu Recht darauf, dass „ein berufsspezifisch ethisches Ziel … jedem ökonomisch formulierten Ziel … überzuordnen“ sei (S. 8). In jeder Branche. Dann erübrigten sich auch weitere Hinweise auf einen – vermutet – „überhandnehmenden Renditegedanken“ im Zuge einer Privatisierung (S. 9)!
    Das funktioniert in der Praxis allerdings nur bei hinreichender Transparenz und unter Marktbedingungen für alle Beteiligten. Woran es im hiesigen Gesundheitswesen gänzlich mangelt. Nicht zuletzt geprägt als Folge des beharrlichen Einwirkens ärztlicher Standesvertreter. Vor und nach der Erfindung des § 137 SGB V sowie der Umstellung auf G-DRGs. Daran ändert auch ein einmaliges „Gelöbnis auf die ärztlichen Grundwerte“ (S. 11) für sich allein so wenig wie ein gesetzlich festgeschriebenes Selbstbestimmungsrecht der Patienten.
    Dem Leser werden in diesem Kapitel „häufige ethische Fragen“ ebenso nahegebracht wie das heutige (Ausnahme-)Procedere bei „Verletzung der medizinischen Berufsethik“. Zwei wichtige Zitate (S. 14): „Jede Art ökonomisch begründeter Indikationsstellung ist eine Körperverletzung“. Natürlich! Leider wird nicht darauf eingegangen, wie dieser vorzubeugen wäre. „Ökonomie muss ärztliches Handeln ermöglichen, darf es aber nicht bestimmen“. Sehr wahr! Aber keineswegs jedes ärztliche Handeln.
    Es folgt ein – sehr schöner – Abriss positiver und negativer Aspekte einer „Ökonomisierung in der Medizin“ (S. 15), dem auch aus der Sicht des krankenhauserfahrenen Ökonomen nur zuzustimmen ist. Das „Genfer Gelöbnis des Weltärztebundes“ (S. 11 / 19) sollte nur für alle an der institutionellen Krankenbehandlung gelten. Und um die Verpflichtung ergänzt werden, jede Verschwendung zu Lasten der Patienten strikt zu vermeiden. Eine überflüssige, weil unwirksame oder dem Patienten keinen Zusatznutzen stiftende Medizin inklusive.
  • Zu 3   Transparenz und Eigenverantwortung:
    Der Autor kritisiert die fehlende Transparenz in der Krankenbehandlung (S. 24). Zu Recht. Und in einem Atemzug auch die „fehlende oder unzureichende Eigenbeteiligung“. Ohne allerdings auch darauf einzugehen, dass die mangelnde Transparenz nicht am Patienten liegt, sondern beim Arzt. Und bei den Gepflogenheiten des hierzulande ärztedominierten Gesundheitswesens. Das gilt auch für die teilweise unverhältnismäßig vielen (abrechenbaren) Leistungen und die „Placebotherapie“ (S. 25), für die unterschiedlich ‚lukrativen Leistungspreise‘ bei EBM und GOÄ (S. 27), die vielen Patienten vorenthaltene Akteneinsicht und überhöhte Abrechnungen bei Privatpatienten (S. 28). Die konkrete Ausprägung der Verbesserungsvorschläge („Sollzustand“) bleibt – landestypisch – eher übervorsichtig (S. 32). Zumindest was das ärztliche Handeln betrifft. Da ist die Kritik bei Medikamenten und Medizinprodukten schon etwas deutlicher (S. 34).
  • Zu 4   Ungleichbehandlung durch Ungleichbezahlung:
    Mit diesem Kapitel begibt sich Jörg auf das Feld falscher Anreize durch extern vorgegebene Regeln, die – überfällig – nur der Gesetzgeber zum grundlegend Besseren verändern kann. Über denkbare Ansätze, hier im Patienteninteresse ökonomisch ‚über den eigenen Schatten zu springen‘, erfährt der Leser nichts. Mit einem hausintern veränderten Verhalten, gestützt auf das Berufsethos. Denkbar wäre hier – nach Vorklärung mit den ‚Kostenträgern‘ – Vieles. Allerdings nur im Schulterschluss von Klinik und Verwaltung. Immer mit dem „Ziel einer gerechten und bezahlbaren medizinischen Versorgung auf höchstem Niveau“ (S. 4).
  • Zu 5   Kostenbeteiligung durch Patient und Arzt:
    Sowohl für den Patienten als auch für den Arzt sollten nicht indizierte Leistungen – so der Autor – finanzielle Nachteile haben. Weitaus besser noch wäre eine umfassende – auch laienverständliche – Information zur nachweislichen (evidence based) Zielwirksamkeit bestimmter Diagnostik und Therapie. Am besten bei jeder Behandlung belegt durch das tatsächlich erzielte Ergebnis. Der bloße Glaube des Arztes – und sei er noch so erfahren – an die Richtigkeit seines Tuns reicht als Nachweis allein nicht. Was erfahrungsgemäß nicht bewirkt, was es bewirken soll, wird nicht bezahlt. Das könnte beim ethisch handelnden Arzt damit einsetzen, dass er sein dem Patienten vorgeschlagenes Handeln freiwillig auf nachweislich erfolgreiche Maßnahmen beschränkt. Und das auch öffentlich macht.
  • Zu 6   Zweiklassenmedizin oder Zweiklassenservice:
    Der Autor hält – wie der Rezensent – die unterschiedliche Honorierung identischer medizinischer Leistungen für pervers. Er stellt derzeit diskutierte Vorschläge aus der Politik vor, diesen Zustand zu verändern. Für einen unterschiedlichen Service-Umfang lassen sich dagegen ohne ethische Bedenken auch unterschiedliche Preise fordern. Sehr wahr!
  • Zu 7   Patientenrechte und Patientenpflichten:
    „Patientenmündigkeit zeigt sich in mehr Eigenverantwortung“.
    Zu diesem Satz des Autors vermögen die anschließenden, leicht paternalistischen Ausführungen des Autors nicht so recht zu passen. Eigenverantwortung kann bei seinen Entscheidungen doch nur übernehmen, wer sich a) der Alternativen hinreichend genau bewusst ist, b) bereit ist, für die Folgen seines Tuns geradezustehen und c) dann auch sicher sein kann, keine zusätzlichen Sanktionen zu erleiden. Die Kasuistik 12 signalisiert eher das Gegenteil. Im  Übrigen wäre es schön, wenn das eindrucksvolle Beispiel von der Gutachterkommission in der Kasuistik 13 den Regelzustand beschriebe. Da ist sich der Rezensent leider nicht so ganz sicher! Der Rest des Kapitels diskutiert die akut geltenden gesetzlichen Regeln. Auch jene zu den derzeitigen Grenzen der Patientenautonomie.
  • Zu 8   Liquidationsrecht und Abrechnungen nach GOÄ oder EBM:
    Das Liquidationsrecht hat unter den akut Berechtigten – sowie unter jenen, die daraus in Zukunft einen finanziellen Nutzen zu ziehen hoffen – viele Befürworter. Das ist insoweit verständlich, als eine ersatzlose Streichung nicht möglich ist. Der Rezensent hat schon 1978 in einem von ihm herausgegebenen Management-Loseblattwerk die Abschaffung gefordert. Und begründet, weshalb eine bessere ‚industrieübliche Datierung‘ für alle Beteiligten zielführender sei. Zum Missvergnügen des seinerzeitigen Vorsitzenden des Verbandes der leitenden Krankenhausärzte Deutschlands (‚keine Ahnung vom Krankenhaus!‘) Die Abschaffung fordert knapp 40 Jahre später mit guten Gründen auch der Autor des hier besprochenen Buches. Unabhängig, davon, aber immer noch richtig. Daneben auch die „Einrichtung eines einheitlichen Vergütungssystems“ (S. 102). Mal sehen, wie viele Jahrzehnte wir darauf wohl noch warten müssen!
  • Zu 9   Kosten- und Qualitätsbewusstsein:
    Auch die Ausführungen zu diesem Kapitel illustrieren in erster Linie den Ist-Zustand ambulanter und stationärer Organisationsmodelle, bei Großgeräten und im Gemeinsamen Bundesausschuss, Bonusvereinbarungen sowie (sehr knapp)das Qualitätsmanagement. „Evidenzbasierte Medizin und Außenseitermethoden“ finden sich kurioserweise unter einer Überschrift (S. 103). Am Ende werden noch Vorsorgemedizin und Pharmakomplex gestreift.
    Viel Stoff für ein nicht allzu großes Kapitel! Gleichwohl durchweg informativ und lesenswert. Leider fehlen im Text – wie könnte es hierzulande auch anders sein – Beispiele für aktive Qualitätssteigerungen und /oder Kostensenkungen im einzelnen Haus oder Fach. Was sich nach intensivem Bemühen am Ende auch auf das ganze System auswirken könnte.
  • Zu 10  Interessenkonflikte und Transparenz:
    Mit der Etikettierung des Krankenhauses als „öffentliches Gut“ sowie der unreflektierten Behauptung der „Einführung von Wettbewerb“ (S. 122) begibt sich der Autor auf einen schlüpfrigen Boden. Nicht alles, was der Existenzerhaltung und der Daseinsvorsoge dient, ist zwangsläufig ein öffentliches Gut. Sonst wären auch Bäcker und Niedergelassene Ärzte ein Anachronismus im interdisziplinären und multiprofessionellen Zusammenspiel. Vom ‚Wettbewerb‘ wird angesichts von Festpreisen, Gebührenordnungen und des Fehlens von nahezu Preis- und Qualitätstransparenz hierzulande nur geredet! Insoweit begrüßt der Autor zu Recht, dass in die Grauzone der Interessenkonflikte heute etwas mehr Licht gebracht wird. Doch wie steht es z.B. mit Interessenkonflikten zwischen Arzt und Patient? Insoweit ist die Konstruktion eines Interessenkonfliktes zwischen privatwirtschaftlichem Krankenhausträger und seinen Patienten als Kunden eine glatte Unterstellung (S. 124). Besonders wenn man an den – keineswegs nur auf das ärztliche Handeln beschränkten – hippokratischen Eid denkt. Auch im Zusammenhang mit Bonusvereinbarungen, selbst wenn die keinen ausdrücklichen Verweis darauf enthalten. Alles andere wäre eine vertragliche Aufforderung zu schuldhaft-rechtswidrigem Handeln!
  • Zum Serviceteil
    --  Schlussfolgerungen:
    Hier werden in griffiger Form die Folgerungen der einzelnen Kapitel zusammengefasst. Sehr schön! Jetzt fehlen nur noch Prioritäten. Und der Weg zum Ziel.
    --  Kasuistiken:
    Hier wäre ein ergänzender Seitenverweis hilfreich.
    --  Stichwortverzeichnis:
    O.K.

Ethisches Verhalten ist nicht nur für Ärzte zu fordern, sondern für alle im Gesundheitswesen Beschäftigten. Dazu zählt neben Respekt, Rücksichtnahme und Mitgefühl auch das Vermeiden jeglicher Verschwendung zu Lasten von Patienten und Versicherten. Von einer mangelhaften Vorbereitung, eine nicht nachweislich (evidence based) zielführende Diagnostik und Therapie über Patientenrechte ohne Methoden- und Ergebnistransparenz, nachvollziehbare Regeln und den Nachweis ihrer strikten Einhaltung bis zum auswertbaren Nachweis der solchermaßen Fall für Fall erzielten Ergebnisse. „Qualität“ darf nicht länger wie eine Monstranz durch die Menge getragen werden. Sie muss gelebt werden! Für jedermann erkennbar. Von jedem Einzelnen und von der gesamten Institution.

Insoweit ist dieses kleine Buch vom Eingangszitat Berwicks noch ganzes ein Stück entfernt. Gleichwohl leistet es angesichts der veröffentlichten Meinung in Deutschland – alles in allem – einen ganz hervorragenden Beitrag auf dem Wege zu Besserung. Bravo! (+++)


[1] Warum hört man heutzutage eigentlich den Begriff ‚Monetik‘, der seit jeher ein bei Liquidationsberechtigung verbreitetes ärztliches Verhalten charakterisiert, Privatpatienten hohe Steigerungsfaktoren abzurechnender Ziffern oder gar Abdingungserklärungen unterzujubeln, in der innerärztlichen Diskussion nur noch selten?

 

 

 

 

 

 

Anmerkung: Hier werden in erster Linie Bücher und Texte besprochen, die aus fachlicher Sicht fürs Management im Gesundheitsunternehmen nützlich sind. Entsprechend positiv ist die Grundhaltung, mit der die Bewertungen entstehen. Das sollte sich jeder Leser auch bei naturgemäß knappen Formulierungen stets bewusst machen, die man vielleicht positiv oder negativ auslegen kann. Es gilt stets die positive Auslegung!

Nur sehr selten finden sich hier auch Besprechungen ärgerlicher Veröffentlichungen, deren Kauf und Lektüre man sich besser sparen sollte.

Als neutrale Entscheidungshilfe werden die Texte bewußt prägnant formuliert, auch wenn dass gelegentlich zu Irritationen führen mag.

Bewertung (soweit vorhanden):
(+++) = Sehr gut (= großer Nutzen)
(++) = Gut (= als Lektüre auch nützlich)
(+) = Lesenswert, aber nicht zwingend nötig
(0) = Neutral (= keine positive / negative Bewertung)

&nb

 

 

 

 


10. Weitere Links

Deutschsprachige Links

 

(Berliner Ärzte) „Qualitätssicherung zwischen engen Bänken“ 

(TK) „Jeder zweite Versicherte sieht deutliche Qualitätsunterschiede bei Ärzten - bei Kliniken nimmt jeder dritte Unterschiede wahr

 (Zeit-Online)  „Fast jeder Zweite beklagt schlechte Infos über Qualität von Kliniken“ 

(DKI) Krankenhaus Barometer 2015 

 (Wirtschaftswoche) „Überflüssige Operationen vermeiden: So finden Sie den richtigen Arzt“. Angeblich. 

(IQWiG) Vorträge vom IQWiG Herbst-Symposium 2015 im Netz.
Alle ansehenswert, speziell zu empfehlen:
Matthias Augustin
Thomas Manski
Gerd Antes

 ++++++++++++++++++++++

 

Englischsprachige Links

 

US-Cartoon (1): “Positives Denken“ 

(IOM) „Improving Diagnosis in Health Care

 (The Commonwealth Fund) “How High Is America’s Health Care Cost Burden? Findings from the Commonwealth Fund Health Care Affordability Tracking Survey, July–August 2015” 

(AHRQ) „Saving Lives and Saving Money: Hospital-Acquired Conditions Update. Interim Data From National Efforts To Make Care Safer, 2010-2014“ 

(KLAS) “KLAS finds global EMR adoption rates continue to grow 

(Becker’s Hospital Review) “Infection control in the US: 2015 year in review 

(Fierce Healthcare) “Hospital error rates may hide mistakes 

(Healthcare Finance) “Leapfrog's latest Top Hospitals 

(Modern Healthcare) “As Kaiser model spreads, Kaiser itself looks to grow 

(The Wall Street Journal) “The New Boundaries Between Doctors and Patients 

(pwc) “Top health industry issues of 2016 

(Fierce Healthcare) “5 ways to design a hospital that puts patients first 

(AHRQ) “Saving Lives and Saving Money: Hospital-Acquired Conditions Update 

(H&HN) “Nurse Watch: The Future of Nursing a Little Better; Praising Nursing Assistants

 (ICU Delirium and Cognitive Impairment Group) “Delirium Prevention and Safety: Starting with the ABCDEF’s

 (Fierce Health Finance) “Geisinger's money-back guarantee is about more than refunds 

(Hospital Impact) “Patient experience vs. patient care: Healthcare isn't Disney World 

(HBS) “What Is the Government’s Role in US Health Care? 

(Health Leaders Media) “One Quality Measure to Rule Them All 

(H&HN) “Don Berwick Offers Health Care 9 Steps to End Era of 'Complex Incentives' and 'Excessive Measurement' 

(Health Affairs) “The Most Crowded US Hospital Emergency Departments Did Not Adopt Effective Interventions To Improve Flow, 2007–10” 

(Fierce Healthcare) “Nurse staffing key to higher survival rates of in-hospital cardiac arrest patients

 (Fierce Healthcare) “Want better surgeons? Poll their coworkers 

(Becker’s Hospital Review) „52 hospitals with the fastest ED discharge time 

(Health Leaders Media) „A Look Ahead: 3 Tips for Managing Generation Z 

(Fierce Health IT) „Survey: Many patients lack online access to health records 

(Becker’s Hospital Review) “50 largest hospitals in America | 2015 

(HCPro Patient Safety Monitor) “Zero harm is the goal 

(Becker’s Hospital Review) “Tying strategy to execution: 5 key notes for executives 

(Health Leaders Media) “Patient-Reported Outcomes: The Impact on Research and Engagement

 (Health Leaders Media) “Improve Patient Experience in Two Sentences 

(Blogridge) “What Do CEO’s and Human Resource People Have in Common? 

(IOM) “Improving Diagnosis in Health Care 

(Becker’s Hospital Review) “25 things to know about the state of health IT 

(Hospital Impact) “What healthcare IT can learn from Steve Jobs' early challenges 

(Health Leaders Media) “Donald Berwick on Better Care as a Route to Financial Success