Exzellentes Management im Gesundheitswesen
24.03.17 17:25

Leitspruch

"Aufklärung ist der Ausgang des Menschen aus seiner selbstverschuldeten Unmündigkeit....

22.03.17 17:39

NEU! hmanage Newsletter 495.

Der hmanage Newsletter 495 ist da. Nachdem Sie diese Nachricht aufgerufen haben, können Sie den...

26.05.17 14:19

(hmanage) 20 Jahre komplett vertan?

(Vorabversion - aktualisiert)

 

Eine E-Mail von healthcareDIVE brachte eine Erinnerung zurück: an...

23.05.17 18:24

(Fierce Healthcare) “Mit weniger Verschwendung die Patientensicherheit steigern”

“Putting a lid on waste: Needless medical tests not only cost $200B—they can do harm”

16.04.17 18:31

(blogridge) Führungsprinzipien beim aktuellen Gewinner des Baldridge Award

“Leadership Practices of 2016 Baldrige Award Recipients: Memorial Hermann Sugar Land Hospital”

14.04.17 18:42

(Health Leaders Media) Stationäre Versorgung im ländlichen Bereich: Anregungen

“In Remote Idaho, A Tiny Facility Lights The Way For Stressed Rural Hospitals”

12.04.17 12:27

Asklepios-Werbung im Hamburg-Newsletter „Elbvertiefung“ der ZEIT

“Unsere Kliniken verfügen über ein kontinuierliches Qualitätsmanagement, denn die Sicherheit Ihrer...

Willkommen!


Motto des Tages

"Inspiration exists, but it has to find us working"
(Pablo Picasso, 1881-1973)
Quelle: ASQ


01. Editorial: Was Prozesse (nicht) sind und warum sich Prozesskosten beeinflussen lassen

Angehörige von Gesundheitsberufen – allen voran die Ärzte – tun sich erfahrungsgemäß schwer mit dem Begriff Prozesse. Sie verstehen darunter noch viel zu oft (wie gerade wieder einmal bei der Lektüre einer Seminararbeit im Zuge eines postgradualen Studiums in der Schweiz erlebt) die Summe dessen, was sie während der Arbeit Tag für Tag nacheinander so tun. Wer nicht einmal die Begriffe richtig beherrscht, wird Prozesse kaum zum Besseren verändern können – selbst wenn er dies im Unterschied zu vielen deutschen Ärzten und vor allem Ärztefunktionären für möglich hält.

Was sind Prozesse? Wertschöpfung

Zur Erklärung zunächst einmal eine „ingenieurmäßige“ Prozessdefinition: Nach DIN 19226 Teil 1 ist ein Prozess die „Gesamtheit von aufeinander einwirkenden Vorgängen in einem System, durch die Materie, Energie oder auch Information umgeformt, transportiert oder auch gespeichert wird“, um ein bestimmtes Produkt / eine Dienstleistung zu erstellen. Anders ausgedrückt: Unter (Geschäfts-) Prozessen versteht man in einer Organisation ein System arbeitsteiliger Schrittfolgen zum Erzielen einer angestrebten Wertschöpfung* (= value added), die unter Einsatz personeller und / oder materieller Ressourcen (= betriebswirtschaftliche Produktionsfaktoren), Information, Zeit und Geld gleichförmig neben-und nacheinander ablaufen. Die Wertschöpfung ist das Verhältnis aus dem – im Einzelfall zu spezifizierenden –  Nutzen* (= quality) und den dafür konkret verursachten Kosten.

Wie werden Prozesse heute kalkuliert?

Die Wertschöpfung der Behandlung eines Patienten ist der Quotient aus dem Behandlungsergebnis (Quality = Medical Outcomes + Service Outcomes) und dem Preis (= Cost Outcomes). Um eine solche Wertschöpfung bestimmen zu können, müssten beide erst einmal bekannt sein. Da man so etwas in der Vergangenheit für entbehrlich gehalten hat – „wir bieten ohnehin die allerhöchste Qualität!“ – sind alle diesbezüglichen Informationen in Deutschland bisher unbekannt. Es gibt (zumindest in der stationären Versorgung) extern vorgegebene „Festpreise“(G-DRGs). Für welche Qualität auch immer. Es wird einfach so getan, als ob alle Behandlungen in allen Häusern gleich gut seien. Die einen kommen gut, die anderen trotz aller zwischenzeitlichen Anpassungen weniger gut damit aus.

G-DRGs werden stellvertretend für alle in Kalkulationshäusern fallartenbezogen ohne Bezugnahme auf irgendeine – wie auch immer spezifizierte – Mindestqualität nach einer in den Einzelschritten akribisch vorgeschriebenen Methode der Vollkostenkalkulation auf Istkosten-Basis ermittelt. Vor allem mittels einer Kaskade von Schlüsselungen, die zwar für eine einheitliche und „gerechte“ Preisbildung statthaft ist, nicht aber für die Ermittlung der eigenen Gestehungskosten. (Gleichwohl wird landauf landab so gerechnet – mit allen daraus zwangsläufig resultierenden Fehlschlüssen, z.B. im Zusammenhang mit einer fächerbezogenen internen Budgetierung).

Eine Preisbildung auf der Grundlage von Istkosten ist großzügig. Denn sie enthält alle denkbaren, in Jahrzehnten blind gewachsenen Formen von Schlendrian. Gleichwohl reichen die Erträge vielerorts nicht, Millionendefizite zu vermeiden. Dass man für eine vergleichbare Patientenpopulation ohne irgendeine merkliche Qualitätsminderung mit deutlich weniger Geld auskommen und damit sagenhafte Vermögen aufhäufen kann, machen etliche Private seit Jahren eindrucksvoll vor.

Kostenelemente der Behandlungsprozesse. Kostenbeeinflussung

Die tatsächlichen Kosten des Falls hängen – unabhängig von der zusätzlichen Beeinflussbarkeit der Infrastrukturkosten) zum einen davon ab, wie gut eine gleichmäßige Auslastung vorgehaltener personeller und materieller Kapazitäten bzw. deren beschäftigungsabhängige Anpassung gelingt (Mengenkomponente der Kosten). Hier gibt es fast immer Gestaltungsmöglichkeiten.

Die Behandlungskosten des Einzelfalls können in umso weiteren Grenzen variieren, je improvisierter der arbeitsteilige Behandlungsprozess verläuft. Auch ohne Zusammenhang mit der erzielbaren bzw. erzielten Qualität. Eine – je nach Stand einer gesicherten Erkenntnis zur richtigen Behandlung – mehr oder weniger hohe Prozessstandardisierung der Behandlung und der zugehörigen Supportprozesse birgt – einhergehend mit einer Spezialisierung samt Fallartenverringerung und Fallzahlensteigerung – oft ebenfalls allerlei Möglichkeiten der Kostensenkung.

Die höchsten Einsparungen ohne Qualitätsverlust lassen sich zweifellos dadurch erreichen, dass man die bestehenden fächerübergreifenden arbeitsteiligen Prozesse samt ihrer vielen „Schnittstellen“ auf den jeweiligen unmittelbaren oder mittelbaren Beitrag ihrer Einzelschritte zur angestrebten Wertschöpfung = [(Medical Outcomes + Service Outcomes) / Cost Outcomes] „abklopft“. Erstere Beiträge bezeichnet man als Nutzleistung, letztere als Stützleistung. (Dazu wären diese allerdings erst einmal zu bestimmen; siehe oben).

Es ist wahrlich nicht alles wertschöpfend, was Ärzte und Pflegekräfte so von morgens bis abends tun, ohne dass man sie dafür persönlich verantwortlich machen könnte! Was keinen Beitrag zur Wertschöpfung leistet, fällt unter die Rubriken Blindleistung bzw. Fehlleistung. Die gilt es in der Folge möglichst wirksam auszukehren. Je höher die Bereitschaft zur Selbsterkenntnis ist, desto größer wird das solchermaßen erkannte Verbesserungspotential. Mit dem Erkennen ist es nicht getan. Dann muss auch noch das Verändern folgen. Das ist alles andere als einfach. Dazu ein anderes Mal mehr!

Daher sollte es am besten nur im Zuge einer strategischen Neuorientierung erfolgen: Mission, Vision, Werte und Ziele der ganzen Einrichtung sind neu zu denken. Das bedarf sicher einer neuen Kultur der Zusammenarbeit. Die gilt es, von Beginn an einzuüben. Ein wesentliches Element ist eine künftig strikte Patienten- und Ergebnisorientierung. Dazu gehört die Verabredung einer routinemäßigen Ergebnismessung und -auswertung von Outcomes und Kosten. Dann sind schrittweise die arbeitsteiligen Strukturen mit dem Ziel anzugehen, sich künftig in auf Fallarten spezialisierten interdisziplinären / multiprofessionellen Teams zu organisieren. Dann und erst dann sollte man (nach einer hinreichenden Dokumentation der bisherigen Ergebnisse) ernsthaft daran gehen, Prozesse wirklich ergebnisorientiert zu optimieren.

Dazu gilt es, der Vergangenheit buchstäblich abzuschwören und sich in der Folge strikt an die getroffenen Verabredungen zu halten. Auf allen Ebenen. Strategisch und operativ.

__________
* Da keiner der hier verwendeten Begriffe in der Literatur inhaltlich hinreichend einheitlich genutzt wird, schreiben wir hier stets, was wir darunter verstehen.


02. Beziehungen, Kausalität und und die Sinnhaftigkeit der Epidemiologie

Association, causation, and the usefulness of epidemiology

“Association is not causation.” Anyone who has read critiques of epidemiological studies purporting to show a human health problem is the result of exposure to an environmental chemical will have seen this statement…   Mehr


03. (H&HN) Zur Last der Ungewissheit

The Burden of Uncertainty

We are seeing an enormous spurt of interest in "comparative effectiveness" research and other efforts to determine the best therapy for a given condition. Proponents say these initiatives will improve quality and save money; opponents say they will open the door to "cookbook medicine"  ... Mehr

Siehe auch "Comparative Effectiveness Research Funding" sowie "Research on the comparative effectiveness of medical treatments


04. (H&HN) Zur Zukunft der Langzeitpflege

The Future of Long-Term Care, Part 2

(Part 1 of this series)

Hospitals are designing new approaches to caring for the elderly.

"The long-term care system in this country is changing dramatically," observes Monsignor Charles J. Fahey…   Mehr


05. (Commonwealth Fund) Transparenz und Öffentlichkeit sind für eine sichere Krankenbehandlung existenziell

Transparency and Public Reporting Are Essential for a Safe Health Care System

What will it take to motivate hospitals to do what we know works to make health care safer? Of the three major approaches to improving patient safety…   Mehr

Anmerkung:
Der Forderung kann nur bedingungslos zugestimmt werden. Geheimniskrämerei mag zwar die Behandler sicherer machen. Mehr Sorgfalt fördert sie nach aller Erfahrung zweifellos nicht!


06. (KHN) Umfassende IT bei Veterans Administration die Kosten wert

(KHN) Umfassende IT bei Veterans Administration die Kosten wert

Researchers: VA Electronic Health Records System Worth The Cost

A new study in the journal Health Affairs finds that while the system, "collectively called Vista, for Veterans Health Information Systems and Technology Architecture" was expensive, it has paid off,..   Mehr


07. (KHN) Nachprüfungen für Ärzte: Sehr empfehlenswert!

Doctors Prepare To Take Recertification Tests; California Case Examines Patient Safety

The Associated Press: "For the first time since leaving medical school, many doctors are having to take tests to renew board certification in their fields — 147 specialties from dermatology to obstetrics….   Mehr


08. Links

Picker: Invest in Engagement. The website that reviews what works to engage patients and the public in healthcare

Health System Bears Cost of Implants With No Warranties

Helping Patients Face Death, She Fought to Live

Ein chronisch krankes System. Interview mit Karl Lauterbach und Jens Spahn

(dr-Radio) Wenig Raum für Familie und Freizeit. Der Arbeitsalltag von Ärzten an kommunalen Krankenhäusern

New Health Initiatives Put Spotlight on Prevention

(FAS) Fehlbare Ärzte. In Kittel und Asche

(H&E) Association, causation, and the usefulness of epidemiology

Comparative Effectiveness Research Funding

Research on the comparative effectiveness of medical treatments

(AHRQ) Clinical Guidelines: Eine wissenschaftliche Stellungnahme der American Heart Association: Medication errors in acute cardiovascular and stroke patients. A scientific statement from the American Heart Association

(Commonwealth Fund) Transparency and Public Reporting Are Essential for a Safe Health Care System

Complex Back Surgeries Skyrocket, Raising Concerns About Cost, Complications

HealthGrades Seventh Annual Patient Safety in American Hospitals Study (Indikatoren: Man kann auch konkreter werden, als wir es in Deutschland immer hören! Und das auch noch in voller Öffentlichkeit.

US Hospitals to Pilot New iPad

(PwC) HealthCast - Die Individualisierung des Gesundheitswesens

FDA: Alternatives to STERIS System 1. FDA-cleared sterilization and disinfection products

AHA honors 'grassroots champions'

Endbericht zum ersten Zyklus der G-DRG-Begleitforschung

Wikipedia: Versorgungsforschung

Bundesärztekammer: Definition der Versorgungsforschung

Deutsches Netzwerk Versorgungsforschung e.V. (DNVF)

Deutsches Netzwerk Evidenzbasierte Medizin (DNEbM)

Nichtärztliche Fachberufe im Krankenhaus: Hilfe oder Konkurrenz?

Doctors Prepare To Take Recertification Tests; California Case Examines Patient Safety

Researchers: VA Electronic Health Records System Worth The Cost

HTA-Methodik: Medizintechnologien schon bei Entwicklung bewerten

Deutsches Institut für Menschenrechte

US-Aufsichtsbehörde TSA

„Der vdää lehnt standespolitische Privilegien für Ärzte ab. „Das ist Gruppenegoismus““

„Da die Rationalisierungspotenziale weitgehend ausgeschöpft sind, bleiben zur Lösung des Problems nur eine Rationierung der Leistungen oder eine Steigerung der Kassenbeiträge“. (Anheier, Herbert, Dr. med., Allgemein-, Thorax-, Viszeralchirurg).


09. Buchbesprechung

de Ridder, Michael, Wie wollen wir sterben? Ein ärztliches Plädoyer für eine neue Sterbekultur in Zeiten der Hochleistungsmedizin, München 2010, ISBN-10: 3421044198, ISBN-13: 978-3421044198, AMAZON

Wenn sich de Ridder öffentlich äußert, ist die Lektüre stets nutzenstiftend. Auch und nicht zuletzt für all jene, die sich mit dem Management von Gesundheitsinstitutionen befassen. Für uns ist sie jedenfalls ein absolutes Muss. Gehört de Ridder doch zu den scheinbar wenigen Ärzten, die sich in ihrem Handeln dem obersten Ziel des Patientenwohls verpflichtet sehen. Wohlgemerkt dem von diesen individuell artikulierten und nicht einem nur bevormundend unterstellten Patientenwohl.

Also war es für uns eine Selbstverständlichkeit, sein neuestes Buch gleich nach dem Erscheinen zu besorgen, rasch und gründlich durchzuarbeiten und zu besprechen. Hier unser Ergebnis:

De Ridder ist es mit diesem Buch es gelungen, (mit eigentlich viel zu einengender Überschrift) ein eindrucksvolles Manifest für die wahre Patientenorientierung ärztlichen Handelns zu schaffen. Sein Inhalt sollte sich auch als Richtschnur allen Handelns in jedem Leitbild wiederfinden! Was er da fordert, wird auch dem der Materie eher Fremden mit einer Menge oft äußerst anrührender Beispiele aus seiner 30-jährigen Erfahrung überzeugend illustriert. Die gut 300 Seiten lesen sich – trotz der nicht gerade einfachen Materie (und teilweise sehr langer Sätze) – wie ein Krimi. Hier die von uns gekürzte und knapp kommentierte Gliederung:

  • Vorwort: Gleich zum Start ein erster Erfahrungsbericht, der unter die Haut geht. Dazu der Verweis auf einen Text in Lancet, für den am Textende ein Link steht: „Wie verdorben eigentlich ist die Medizin geworden?“
  • „Was wir tun können“: Beispiele für die „fragwürdige Vorstellung vom Arzt als ‚Herr über Leben und Tod‘“, an „Machbarem“ alles zu tun, was Ärzte so gelernt haben. Ob das dem Patienten wirklich nutzt oder ob dies gar dem Patientenwillen entspricht oder nicht. Dazu ein ernüchternder Exkurs in die Historie ärztlichen Handelns. So wird mehr als deutlich, was die (wohl unausweichliche) fachliche Aufsplitterung ärztlichen Wissens an Nebenwirkungen hervorgebracht hat. Auch ethisch: Ein Spezialistentum, das sich „zuständigkeitshalber“ auf die „eigene“ Körperregion reduziert: „Zerlegte Medizin – zerlegter Patient“. Und: „Das wird noch dadurch vertieft, dass ohne Zweifel auch Erlöskriterien der Klinik heute eine beachtliche Rolle spielen dürften“. Hoffentlich nicht!
  • Zwischen Herztod und Hirntod: Eine - auch für ärztliche Laien vorzüglich nachvollziehbare – Klarstellung der Begrifflichkeiten. Und manches mehr, z.B. dieser schöne Satz: „Intuition steht an der Seite des Scheins und eben nicht an der Seite der Wissenschaft“.
  • Künstliche Ernährung am Lebensende: Was mit PEG-Sonden für Unheil angerichtet wird. Offensichtlich weitaus überwiegend. Und welche verheerende Rolle Ärzte dabei spielen. Das Ganze auch noch als Massenphänomen: „140.000 Pflegebedürftige … jedes Jahr etwa 80.000 neue Ernährungssonden“. Dazu „die klassische ärztlich angeordnete Ersatzhandlung bei Sterbenden … (die) Anlage einer Infusion … nur selten ist sie wirklich notwendig“.
  • Gepflegt und doch verendet: Zur zweifelhaften Organisation / Finanzierung der Altenpflege als Folge ihres geringen gesellschaftlichen Stellenwerts. Und zum „Ungleichgewicht der Mittelverteilung zwischen Kurativ- und Akutmedizin auf der einen und Palliativmedizin und der Pflege auf der anderen Seite“. Dazu de Ridders (gut nachvollziehbarer) „Zorn, weil die Ärzteschaft, seit langem unfähig zur Selbststeuerung, sich ihre Ertragslage mehr angelegen sein lässt als die Erfüllung ihres Versorgungsauftrags“. Und sein „weil die Krankenkassen immer noch unendliche Mittel für überflüssige Leistungen und andere Quacksalbereien ausgeben, die Finanzierung des wirklich Unverzichtbaren aber auf der Strecke bleibt“.
  • Verordnetes Leid: Über immer noch gravierende Mängel der heutigen Schmerztherapie und das damit angerichtete unübersehbare Leid: „Deutschland findet sich beim medizinischen Verbrauch starker Schmerzmittel (Opiode) unter den hochindustrialisierten Ländern immer noch bei den Schlusslichtern“. Dazu ein Link am Fußende.
  • „Wir rufen Sie an, wenn es so weit ist“ – Von der Kälte des Krankenhausbetriebs: Wie mit Sterbenden und ihren Angehörigen immer noch umgegangen wird. Im (schrecklichen) Beispielfall eine offizielle Entschuldigung der Leitung und das Originalzitat einer „Schwester … ‚Ach Sie meinten Frau G., deren Mann hier verstorben ist … die Querulantin, die uns tagelang von morgens bis abends tyrannisiert hat…‘“. (Wahrscheinlich haben die auch längst eins der bekannten Zertifikate, die eine „Patientenorientierung“ besonders bestätigen…).
    Leider findet sich in diesem Kapitel auch eine (verbreitete) ärztliche Fehleinschätzung: „Ein solches System der Krankenversorgung, das sich zusehends marktwirtschaftlicher Logik unterwirft, verleitet geradezu dazu, Mängel und Fehler … kleinzureden … und damit in der Öffentlichkeit ein falsches Bild seiner Leistungsfähigkeit und tatsächlichen Qualität zu geben“. Wenn der Autor nicht de Ridder hieße, würden wir dies doch glatt für eine der üblichen Ausreden halten: Was er hier zu Recht kritisiert, hat mit Marktwirtschaft oder auch nur ökonomischem Handeln wirklich nichts, nicht das Geringste zu tun!
  • „Ich liebe meinen Sohn, aber er gehört mir nicht“: Mit dem langen erschütternden Brief einer „Querulantin“ und dem allerorten ach so beliebten Satz „Der Patient ist nicht kooperativ“.
  • Mensch ohne Selbst: Eine vorzügliche Aufklärung zum „sogenannte(n) Wachkoma“ und welche Unterschiede es gibt. Der Rezensent hat daraus eine Menge gelernt! Unter anderem – wie aus dem gesamten Buch – den absoluten Vorrang des Patientenwillens zum Weiterleben, aber auch die „Ethik der gewissenhaften Diagnostik“.
  • Des Menschen Wille – Selbstbestimmung am Lebensende: Über die verbreitete ärztliche Selbstherrlichkeit, das eigene und nicht das Patienteninteresse in den Mittelpunkt ihres Handelns zu stellen – von sonstigen konkurrierenden Interessen gar nicht zu reden! Damit wird auch die Bedeutung der Patientenverfügung noch ungleich klarer. Das Interview hinter dem Link am Ende der Besprechung ist wirklich lesenswert. Ein (von de Ridder übernommener) Satz daraus: „Wenn Patienten und Angehörige von Patienten kommen und sagen, Herr Doktor, hier ist die Patientenverfügung, dann sage ich: Die können Sie ruhig in ihrem Nachtkästchen liegen lassen. Sie interessiert mich nicht“. Dazu de Ridder: „Der gute Arzt – ein Phantom?“
  • Die Hoffnung stirbt zuletzt – Vom Wert der Palliativmedizin: Dieses Kapitel verdeutlicht einmal mehr, wie wenig Medizin auch heute völlig heilen kann, was an Wiederherstellung von Wohlbefinden und Beschwerdefreiheit bestenfalls geleistet werden kann, und dass ein großer Teil allen ärztlichen Handelns eigentlich in toto Palliativmedizin heißen müsste. Dem Rezensenten ist erst durch das Buch richtig klar geworden, a) dass Palliativmedizin viel mehr ist als die Betreuung am Lebensende und b) welch schrecklichem, unnötiges Leid (und völlig vermeidbare Kosten) verursachenden Irrtum die deutsche Medizin damit aufsitzt. Da sind die meisten Industrieländer offensichtlich schon viel weiter. (Und wir bezahlen für eine solche Medizin auch noch mehr als anderswo): „Die Palliativmedizin – Ein verkanntes medizinisches Fachgebiet“.
  • Die Grenzen der Palliativmedizin – Wann endet der ärztliche Auftrag?: Dank des Praxisbezugs höchst Überzeugendes zum immer noch heiß umstrittenen Thema ‚Sterben lassen, wenn der Patient sterben will‘. De Ridder konstatiert „…ein wenig entwickeltes, ja unbedarftes Verständnis von Ethik“: Eine Auseinandersetzung mit der (und dem Begriff) „Sterbehilfe“. Und noch mehr zum Patientenwillen. Und mit Verlautbarungen der Bundesärztekammer. Und mit dem ärztlichen Standesrecht in Sachen Suizid. De Ridder plädiert für dessen Ersatz durch die international abgestimmte, aber von Ärzten noch nicht allgemein mitgetragene „Charta zur ärztlichen Berufsethik“ aus dem Jahre 2002.
  • Sterben annehmen, Sterben gestalten - Ein Ausblick:
    de Ridder fällt eine „erhebliche Ungleichverteilung der Mittel sowie ärztlicher Zuwendungsbereitschaft und ärztlichen Interesses“ auf. Ein – „in einer sich zivil nennenden Gesellschaft“ überfälliger – Umdenkprozess erfordert zunächst einmal zusätzliches Geld. Der ärztliche Satz vor Angehörigen „Wir können nichts mehr tun!“ sollte nie mehr fallen. Es sollte vielmehr weiter Hoffnung vermittelt werden – „Hoffnung auf ein friedliches Sterben“. Dafür muss sich die „Ausbildung des ärztlichen Nachwuchses sowie die ärztliche Fort- und Weiterbildung“ ändern. Und die breite ärztliche Diskussion, in der die Palliativmedizin im Unterschied zur chinesischen Pflanzenmedizin und IGEL-Leistungen kaum vorkomme. Die neue Erkenntnis müssten Ärzte (warum nur die?) dann in der ganzen Gesellschaft kommunizieren. Der Rest ist eine Aufforderung zum Überdenken des heutzutage verbreiteten ärztlichen Selbstverständnisses: „Klare Indikation und wahrhaftige Absichten“.
  • Dank
  • Glossar
  • Anmerkungen

Zusammengefasst:
Eine – im besten Sinne – aufklärende Pflichtlektüre zum Thema Menschenwürde, für deren Erscheinen sich alle (potentiellen) Patienten nur herzlich bedanken können. Eine Pflichtlektüre besonders für jeden, der mit der Krankenbehandlung direkt oder indirekt zu tun hat. Auch und gerade für die für Gesundheitsinstitutionen Verantwortlichen. Die Menschenwürde muss respektiert und bewahrt bleiben – auch und gerade bei unheilbar kranken und alten Menschen. Allein der Patient hat entgegen allem gängigen ärztlichen Handeln das Recht zu entscheiden, wann sein Leben verkürzt und wann es auch unter schwersten Bedingungen verlängert werden soll. Das könnte ganz erheblich dazu beitragen, die Krankenbehandlung menschlicher und (entgegen de Ridders fälschlicher Annahme von Kausalität) auch deutlich kostengünstiger zu machen! (+++)

Hier noch zwei von de Ridders Lektüreempfehlungen:
Lancet: Just how tainted has medicine become?
Ethik-Charta der DGSS

Und diese, von ihm zur Abschreckung angeführte:
Ich hasse den Tod

 

Anmerkung: Hier werden in erster Linie Bücher und Texte besprochen, die aus fachlicher Einschätzung fürs Arbeiten im Gesundheitsunternehmen nützlich sind. Nur gelegentlich finden sich hier auch Besprechungen ärgerlicher Veröffentlichungen, deren Kauf und Lektüre man sich besser sparen sollte.

Bewertung:
(+++) = Sehr gut
(++) = Gut
(+) = Lesenswert
(0) = Neutral
(-) = Nicht empfehlenswert.

Alle entsprechend gekennzeichneten Titel können Sie durch Anklicken von AMAZON aus der Buchbesprechung heraus bestellen.


10. In eigener Sache

Wir haben uns in letzter Zeit wieder etwas gründlicher unserer unfertigen Website gewidmet. Sie soll sich künftig dynamischer ändern als bisher.

Das hat sich auch für uns als äußerst heilsam erwiesen: Es besteht - beginnend bei den aktuellen Nachrichten und den Inhalten unseres hmanage Newsletters und endend bei den Seiteninhalten - zur Zeit eine viel zu große Redundanz! Daher haben wir uns zu einer gründlichen Straffung entschlossen.

Die Datei der älteren Nachrichten wurde bereits rigoros zusammengekürzt, ohne damit den Inhalt, auf den es ankommt, signifikant zu reduzieren. Der findet sich überwiegend weiter in den veröffentlichten Newslettern. 

Die Zahl der Abbildungen wird reduziert. Rein dekorative Abbildungen entfallen. In den restlichen Bildern wird überflüssiger Zierat entfernt. Erste Ergebnisse sehen Sie schon beim größten Teil aller Abbildungen.

Es wurde begonnen, die Texte zu straffen. Weitere Änderungen werden in Kürze folgen. Desgleichen die sukzessive Füllung der noch reichlich vorhandenen "weißen Flecken".

Am wichtigsten dürfte für Leser dieses Newsletters aber eine andere Neuerung sein. Dies ist der letzte hmanage Newsletter in der bisherigen Struktur und Erscheinungsfolge. Ab sofort konzentrieren wir uns auf uns besonders wichtig erscheinende Nachrichten und Texte.

Davon können - wie bei den Buchbesprechungen - in einem Newsletter auch mehrere vorkommen. Die - künftig unregelmäßige - Erscheinungsweise richtet sich nach dem Anfall uns auch weiter meldenswert erscheinender Nachrichten.