Exzellentes Management im Gesundheitswesen
24.03.17 17:25

Leitspruch

"Aufklärung ist der Ausgang des Menschen aus seiner selbstverschuldeten Unmündigkeit....

22.03.17 17:39

NEU! hmanage Newsletter 495.

Der hmanage Newsletter 495 ist da. Nachdem Sie diese Nachricht aufgerufen haben, können Sie den...

26.05.17 14:19

(hmanage) 20 Jahre komplett vertan?

(Vorabversion - aktualisiert)

 

Eine E-Mail von healthcareDIVE brachte eine Erinnerung zurück: an...

23.05.17 18:24

(Fierce Healthcare) “Mit weniger Verschwendung die Patientensicherheit steigern”

“Putting a lid on waste: Needless medical tests not only cost $200B—they can do harm”

16.04.17 18:31

(blogridge) Führungsprinzipien beim aktuellen Gewinner des Baldridge Award

“Leadership Practices of 2016 Baldrige Award Recipients: Memorial Hermann Sugar Land Hospital”

14.04.17 18:42

(Health Leaders Media) Stationäre Versorgung im ländlichen Bereich: Anregungen

“In Remote Idaho, A Tiny Facility Lights The Way For Stressed Rural Hospitals”

12.04.17 12:27

Asklepios-Werbung im Hamburg-Newsletter „Elbvertiefung“ der ZEIT

“Unsere Kliniken verfügen über ein kontinuierliches Qualitätsmanagement, denn die Sicherheit Ihrer...

Wikommen

308 - 30.10.2007 - Aktuelle Sinnsprüche und Informationen auf unserer Website www.hmanage.net


Motto des Tages

"Die Mayo-Leute haben ein gemeinsames Ziel, nämlich die bestmögliche Versorgung des Patienten"

(Samantha Collier, Healthgrades)

Quelle: FTD

 


01. Editorial: „The Radboud Case: Kollaps und Wiedergeburt einer Kardiochirurgie".

"Bristol wieder auferstanden. Haben Krankenhäuser ein Gedächtnis? Können Krankenhäuser lernen?"

Ein Bericht, der nachhaltigst verdeutlicht, dass ein Arbeiten ins Blaue hinein, d.h. ohne konkrete Ziele und systematische Messung und Auswertung ihrer Erreichung ohne Suche nach irgendwelche "Schuldigen" auch in der Medizin längst überfällig ist - auch wenn diese Erkenntnis in Deutschland nach wie vor noch nicht so ganz angekommen zu sein scheint. Siehe zu den hier angewendeten Methoden auch die Buchbesprechung in diesem hmanage Newsletter!


"The collapse and redesign of the cardio surgical department of the Raboud Academic Medical Centre: A Case Study (H. Wollersheim, Nijmegen"

Unter diesem schönen Titel hielt Dr. Hub Wollersheim am 12. Oktober 2007 auf einer EFQM-Veranstaltung im Domus Medica in Utrecht (siehe hmanage Newsletter 307) einen Vortrag, wie man ihn sich so ungeschminkt auch einmal in Deutschland wünschen würde. Wir wollen versuchen, hier dessen (wegen der Klarheit der Sprache des Referenten überwiegend übersetzte) Quintessenz vorzustellen:

Zunächst die Fakten: Am 9. September 2005 sollte im Herzzentrum des Raboud Universitätsklinikums in Nijmegen, Niederlande,  ein interdisziplinäres Treffen klären, auf welche Weise die Patientensicherheit in der Kardiochirurgie verbessert werden könne. Ausgangspunkt waren im Vergleich doppelte Mortalitäts- und Morbiditätsraten. Anschließend mailte ein frisch berufener Hochschullehrer diese Daten unter Verweis auf die Dringlichkeit von Verbesserungen an seine Kollegen.

Jemand leitete die E-Mail anonym an die Presse und an die zuständige Behörde (http://www.igz.nl/). Die Zahlen wurden von den Verantwortlichen zunächst geleugnet und dann mit einem besonders risikobehafteten „Krankengut“ begründet. Der unfreiwillige Absender wurde suspendiert. Der Raboud-Fall war geboren.

Jeder, der mit den Gepflogenheiten in der Medizin auch nur halbwegs vertraut ist, kennt diese klassische, wenn auch katastrophale Reaktion. Als positive Konsequenz wurde sofort mit einer gründlichen Analyse der Mortalitäts- und Morbiditätsraten durch eine Kommission aus Internen und Externen begonnen. Etwa 50 an der fraglichen Routine Beteiligte wurden interviewt. Das Ergebnis war verheerend.

Die stark erhöhten Mortalitäts- und Morbiditätsraten waren auf einen dysfunktionalen Behandlungsprozess zurückzuführen (bzw. was man – das sollte man sich einmal genau durch den Kopf gehen lassen – als solchen identifizierte). Statt eines schwierigeren Patienten-Mixes wurde ein unterdurchschnittlich risikobehafteter gefunden. Es mangelte an einer professionellen Führung ebenso wie an einer angemessenen multiprofessionellen Zusammenarbeit. Förmliche Behandlungspfade (protocols) gab es nicht. Weder die Prozesse noch gar die Ergebnisse wurden systematisch ausgewertet.

Eine Dissertation (D. Janssen) brachte genauere Fakten zutage:

  • Die Schlussfolgerung nicht systematischer Auswertungen war falsch. In Wirklichkeit hätte es heißen müssen: Sie führten nicht zu den notwendigen Konsequenzen!
  • Bereits 1987 startete die Abteilung mit einer datenbankgestützten Auswertung (CORRAD), die um immer prospektive Elemente erweitert wurde.
  • Neben Bypass-Operationen wurden sukzessive auch Daten aller möglichen kardiochirurgischen Eingriffe einbezogen.
  • In den vergangenen Jahren wurden die Mortalitäts- und Morbiditätsdaten mehr und mehr risikoadjustiert ausgewertet.

Zudem gab es bereits seit einiger Zeit europaweite Auswertungen (EuroSCORE) mit 17 Risikofaktoren. Diese Daten wurden örtlich ausgewertet und allen Kardiochirurgen zumindest einmal jährlich im Jahresbericht zur Kenntnis gegeben. Die eigenen Komplikationsraten lagen seit dem Jahr 2000 immer über jenen anderer Europäischer Herzzentren. 2004 gab es mit einer Mortalität von 6,7% eine Spitze, die zwei- bis dreimal höher lag. Einige Beteiligte äußerten zwar ihre Sorgen. Doch Konsequenzen wurden weder vom Management noch von den Chirurgen selbst gezogen. Die Daten wurden zur Kenntnis genommen, interessant gefunden, und am nächsten Tag wurde weitergearbeitet wie bisher.

Warum wurden die Daten nicht als ein äußerst dringlicher Anlass empfunden, sich um Verbesserungen zu bemühen? (Darüber wurde in Utrecht eingehend diskutiert). In der Realität wurden folgende Erklärungen identifiziert:

  • Eine insgesamt riesige, hierarchisch tief gestaffelte Organisation
  • Mehrere sich überlagernde Fächerzuständigkeiten in der gleichen Sache
  • Eine Kardiochirurgie ohne Führung und Zusammenhalt
  • 80% der Patienten kamen aus anderen Krankenhäusern

Der unfreiwillige Auslöser hatte nichts anderes getan, als auf die unakzeptablen Fakten deutlich hinzuweisen. Die empörte Reaktion:

  • Leugnen („Nicht wahr!“, später „Krankengut!“)
  • Bestrafung des Überbringers der unerfreulichen Nachricht
  • Der Überbringer kämpfte und wurde krank
  • Er wurde zwischenzeitlich zum Professor ernannt, aber bis heute nicht rehabilitiert
  • Er betrachtet sein Los heute als unvermeidliche Nebenwirkung der Aufklärung

Die Reaktionen des Klinikums:

  • Bestreiten (September 2005)
  • „Krankengut!“ (September 2005)
  • Mögliche Probleme, Untersuchung! (September 2005)
  • Es gibt Probleme, wir müssen Verbesserungen vornehmen (Oktober 2005)
  • Rücktritt der Chefs der Kardiochirurgie (März 2006)
  • Behördliche Schließung der Abteilung (April 2006)
  • Rücktritt der Vorstandsvorsitzenden (Board of Directors) (April 2006)
  • Rücktritt der beiden anderen Mitglieder der Krankenhausleitung (Mai 2006)
  • Rücktritt der gesamten ärztlichen Leitung (Medical Board) (Mai 2006)
  • Debatte im Niederländischen Parlament (23. Mai 2006)
  • Provisorische Krankenhausleitung, Leitung der Kardiochirurgie (Juni 2006)
  • 3 der 7 übriggebliebenen Herzchirurgen treten zurück (Juni 2006)

Weiter offene Fragen:

  • Zeichen für mangelhafte Aufsicht: Wussten die nichts? Reagierten sie nicht?
  • Ist es so schwer, sich bei Fehlern zu entschuldigen?
  • Warum wird gegenüber den Patienten und ihren Angehörigen und anderen Geschädigten kein Mitgefühl gezeigt oder sich entschuldigt?

Bei einem Fokus auf Outcome-Daten bei Bypass-Operationen wäre folgendes rechtzeitig zutage getreten:

  • Der Europäische Median liegt in diesem Fall bei 4%, in den USA bei 2%, in den Niederlanden bei 2,7%
  • In der Klinik lagen die Werte mit einer Spitze von 6,7% im Jahre 2004 seit 2000 über diesen Werten
  • 2003 bis 2005 starben 83 von 1725 Patienten. Damit liegt die Klinik 20% über der Europäischen Norm, bei der komplexen Chirurgie gar 50% darüber
  • Nach dem Neubeginn gab es Oktober 2006 bis März 2007 bei 310 Operationen 2 Todesfälle. Das sind 0,6%

Der Referent stellte sich (und dem Auditorium) dazu diese Fragen:

  • Warum werden Niederländische Daten (jetzt mit einer Ausnahme) nicht allgemein veröffentlicht wie beispielsweise jene im Staate New York?
  • Warum gibt es nur einen wenig sachgerechten Umgang mit Daten / Statistiken?
  • Sind Outcome-Daten ohne Bezug zu (Verbesserungen an) Prozessen sinnvoll?

Doch einige Daten sind durchaus auch eindeutig, nämlich jene zu Komplikationen:

  • Erneute Brustbeinspaltung: Normal 3%, bei Radboud nach CABG 8%, Nach Herzklappenoperation 16 bzw. 18%.
  • Nierenversagen: Normal 2,5%, bei . Radboud nach Herzklappenoperation 9 bzw. 15%
  • Zusammenhang von Nachblutungen und Brustbeinspaltung

Dabei werden die negative Einflussfaktoren auf die Outcome-Daten oder ein unsinniger Umgang damit keineswegs verschwiegen:

  • Einflussfaktor Zeit: Zeitliche Schwankungen, Dauer (und damit Möglichkeit zusätzlicher Einflüsse durch Beteiligte, Patientenwünsche etc.), bereits eingetretene Dauerschäden (komplizierte Patienten, schwierige Fälle, Palliativphase)
  • Komorbidität, Medikamenteneinfluss, Alter, soziodemografische Faktoren, unbekannte Faktoren (z.B. genetisches Profil), Datenmängel (nicht gemessen, nicht oder falsch dokumentiert), Grenzen jeglicher Risikoadjustierung
  • Die Medizin ist keine exakte Wissenschaft: Mehrere Einflussgrößen auf die zu kalkulierende Risiken: Krankheit (atypische Ausprägung, atypischer Verlauf), atypische Reaktionen auf eine Therapie, patienten- / angehörigenbezogene Einflüsse, unterschiedliche äußere Einflüsse
  • Unsinniger Umgang mit Outcome-Daten: Übertriebene Konzentration aufs Messen, Flucht in Behandlungen relativ niedrigen Risikos, Ausschluss von Risiko-Patienten (sei es schon bei der Aufnahme oder erst bei der Auswertung) oder Vermeidung gut indizierter, aber risikoreicher Interventionen, Datenmanipulation oder gar -betrug

Charakteristika der Wiederherstellung einer guten Behandlungsqualität:

  • Starke Führung, Halten an Vereinbarungen, eindeutige Übernahme von Verantwortung, zur Rede stellen, chirurgische Perfektion
  • Teamwork
  • Standardisierung, Kontrollen, Klinische Pfade, Prozess- und Ergebnisindikatoren
  • Präoperatives Screening
  • Auf Erfahrung beruhendes prä- und postoperatives Management
  • Multidisziplinäre Komplikations- und Mortalitätsaufzeichnungen, -auswertungen und
    -diskussionen

Neuausrichtung der Abteilung:

  • Heute das beste Zentrum in den Niederlanden?
  • Ehrgeiz: Das beste und sicherste Krankenhaus in Europa werden
  • „The lower you fly, the higher you can reach“
  • Das versagende Niederländische Kontrollsystem steht auf dem Prüfstand
  • Bei Ersetzen von Radboud durch Bristol ergibt sich die gleiche Geschichte

0,6% Todesrate haben konkrete Uraschen:

  • Neues Team
  • Traditionelle militärische Führung
  • Disziplin
  • Strikt neu gestaltete Prozesse
  • Verbindliche Behandlungsprotokolle
  • Äußerst strikt kontrollierte Verlegungen, unterschriebene Checklisten
  • Übernahme von Verantwortung

Der Vortrag schließt mit einem Verweis auf die Erfolge von Dr. Mark Chassin, der 18 Jahre lang für die Auswertungen im Staate New York verantwortlich war (und gerade neuer Chef der Joint Commission geworden ist):

  • Reduzierte Todesraten
  • Keine Nebenwirkungen
  • Bessere Risikoadjustierung
  • Kein negativer Einfluss durch die Medien

Dr. Mark Chassin:

  • Haben wir Hochrisikopatienten woanders hin verlegt? Nein!
  • Erhielten weniger Patienten einen Bypass? Nein!
  • Gab es weniger Bypassoperationen bei Hochrisikopatienten? Nein!
  • Bevorzugten Patienten Krankenhäuser mit höherer Qualität? Nein!
  • Vermieden Patienten Krankenhäuser mit geringerer Qualität? Nein!
  • Verloren die Medien das Interesse? Ja, nach fünf Jahren!

Auf einen solch ungeschminkten öffentlichen Umgang mit betrüblichen Fakten wird man hierzulande wohl noch einige Jahre warten müssen. Und leider auch wohl auf eine solch konsequente Lösung erkannter Probleme.

 


02. (H&HN) Die Patientensicherheit endlich ganzheitlich angehen

Patient Safety: Time to Connect the Dots

Hospital leaders know the steps they need to take to reduce errors—the hard part is ensuring those steps are taken every time...

Mehr 


03. (AHA) Neue Website mit Anregungen zur Vorbereitung auf eine Pandemie

"A new Web site can help ... health planners prepare for a flu pandemic. PandemicPractices.org brings together more than 130 peer-reviewed practices from four countries, 22 states and 33 counties".


04. (Most Wired) Verknüpfung von IT-Bausteinen zur Vergrößerung der Patientensicherheit

We're Wired. Now What?

Implementing safety software that links devices to information systems is one more way to prevent medication errors...

Mehr


05. (ASQ) 21 Tipps, wie man sich auf die wichtigsten Dinge konzentriert

"Leadership Spotlight: 21 Tips to Keep You Focused on the Key Issues..."

Read this helpful advice on About.com…


06. (AHRQ) Eine Schlüsselinformation über den Stand der Qualitätsbemühungen im US-Gesundheitswesen aus berufenem Munde

Is hospital patient care becoming safer? A conversation with Lucian Leape

Lucian Leape, MD, is generally known as the father of the modern patient safety movement in the United States. This engaging interview with Dr. Leape shares his thoughts on the current state of patient safety and how the health care system is responding... 

Quelle: http://psnet.ahrq.gov/resource.aspx?resourceID=6041


07. (ASQ) Qualitätswerkzeug der Woche: Entscheidungsmatrix

Quality Tool of the Week: Decision Matrix

(also called Pugh matrix, decision grid, selection matrix or grid, problem matrix, problem selection matrix, opportunity analysis, solution matrix, criteria rating form, criteria-based matrix)...

Learn when and how to use a decision matrix…


08. Links

Fires trigger CA hospital evacuations

www.asq.org/fdc
ASQ’s Food, Drug and Cosmetics Division recently developed a new Certified HACCP [Hazard Anal-ysis and Critical Control Point] Handbook. The division’s website provides updates on other ac-complishments, programs, events and courses.

www.cfsan.fda.gov/list.html
The site of the Food and Drug Administration’s (FDA’s) Center for Food Safety and Applied Nutrition is filled with information and links pertaining to recent media coverage, national food safety programs, documents, food defense and terrorism, inspection, compliance, recalls, and HACCP.

www.foodsafety.gov
This website brings together food safety information from several different federal departments and agencies, including the Centers for Disease Control and Prevention, the Environmental Protection Agency, the FDA’s Food Safety and Inspection Ser-vice, and the Partnership for Food Safety Education, known as Fight Bac. 

www.iso.org/iso/iso_catalogue/management_standards/specific_applications.htm#food The International Organization for Standardization (ISO) now offers three documents related to food safety: ISO 22000:2005 (a standard containing requirements for food safety management systems); ISO/TS 22004:2005 (a standard with requirements for entities providing audit and certification of food safety management systems); and ISO/TS 22004:2005 (guidance for using ISO 22000:2005). Links to information on the documents are provided on this website.

www.iso.ch/iso/en
ISO also offers three documents related to medical devices: ISO 13485:2003, a standard covering quality management system requirement for regulatory purposes; ISO/TR 14969:2004, which provides guidance of applying ISO 13485; and Guide 63:1999 on inclusion of safety aspects in standards for medical devices. ISO’s search engine can be used to find information on each of these documents.

www.astm.org
While ISO 9001 can be used to develop quality management systems for toy manufacturing, ASTM International is publisher of most of the product standards on toy safety, including ASTM F734-84, which focuses on risk based safety assessments. Using the word “toy,” the site’s search engine can lead visitors to information and news items about these standards.

 

Dignitas strebt Legalisierung der Sterbehilfe an

 

www.basys.de/aktuelles/omk.pdf Indikatoren der OMK im Gesundheitswesen und der Langzeitpflege (Zusammenfassung)


09. Buchbesprechung

Bewertung (+++) = sehr gut über (0) = neutral bis (-) = nicht empfehlenswert. Bestellung – soweit nicht ausgeschlossen – durch Anklicken des Titels hier oder über unsere Website www.hmanage.net bei Amazon.

 

 

SIMPATIE (EU-Projekt), Patient Safety Toolbox, Instruments for improving safety in healthcare organizations, Utrecht 2007, Bestellung

 

Reisen bildet. Davon lebt dieser Newsletter. So schrieben wir zuletzt in den hmanage Newslettern 307 und 308 zwei Editorials über das Meeting der EFQM Health Community of Practice in Amsterdam und Utrecht. Dort erhielten wir auch das hier vorzustellende Buch. Es ist eine – von 30 Autoren getragene und dennoch in sich schlüssige – Veröffentlichung des EU-finanzierten niederländischen SIMPATIE-Projekts (2005-2007), in dessen Forum (Austria, Belgium, Bulgaria, Croatia, Cyprus, Czech republic, Denmark, Estonia, Finland, France, Greece, Hungary, Ireland, Italy, Lithuania, Luxembourg, Malta, Netherlands, Poland, Portugal, Serbia, Sweden, Spain, Turkey, United Kingdom) deutsche Teilnehmer bezeichenderweise fehlten, und der niederländischen CBO.

(Auch die Simpatie-Website ist lesenswert!)

Das Buch steht unter dem (so ähnlich bekannten) Leitspruch: “Primum non nocere”. Es ist – auf die Professionals im Gesundheitswesen ebenso wie auf die Führungskräfte zielend –(wie auch die Arbeit des Berichterstatters) stark von angelsächsischem Denken und darauf fußenden Veröffentlichungen geprägt. Natürlich auch von der Schlüsselveröffentlichung des IOM “To Err is Human” aus den Jahren 1999 / 2000, auf die wir seitdem vielfach verwiesen haben. 

Schon die Lektüre des Vorworts zeigt den – nach wie vor evidenten – kulturellen Unterschied zu Deutschland: Man weiß, dass man Fehler macht, und sagt dies auch. Daher will man deren Auftretenswahrscheinlichkeit auf breiter Front nicht nur durch ein paar (dankenswerte) Kongressvorträge, sondern durch Messen, Auswerten und eine systematische Fehlerprävention verringern. Dazu strebt man nach Kräften einen (bei uns bisher nicht einmal artikulierten) Kulturwandel durch Führung an, der alle Beteiligten mobilisiert.

Hier eine auszugsweise übersetzte Gliederung (Anklicken, wenn die Gliederungsdetails interessieren!) 

Verbesserung der Patientensicherheit in Europa – das SIMPATIE-Projekt

Inhalt

Autoren

Einführung

Teil I – Aspekte der Patientensicherheit im Gesundheitswesen

1 Was ist Patientensicherheit?

2 Patientensicherheit aus internationaler Sicht (kein deutsches Beispiel) 

3 Warum sind Krankenhäuser nicht so sicher, wie wir sie uns wünschen? (sehr erzieherisch! Speziell die Sache mit der persönlichen Verantwortung)

4 Die Epidemiologie medizinischer Fehler: Wissen wir, was wir messen? (Die Fehlerwahrscheinlichkeit nicht als Totschlag-Argument missbrauchen!)

5 Das Sicherheitssystem: Annäherung auf der Ebene der Organisation (Schöne Übersicht der gängigen Methoden)

Teil II – Beispiele für Werkzeuge für die Patientensicherheit

6 Die Patienten beteiligen (proaktiv und nicht lustlos und bloß als Alibi)

7 Kultur der Patientensicherheit: Instrument für ein Assessment (Schöne Übersicht spezieller Methoden)

8 Move-Your-Dot-Methode: Beispiel für die Verbesserung der Patientensicherheit (Sehr gute Übersicht über das Messen, Auswerten und Reduzieren der Mortalität)

9 Triggerwerkzeug und Auswertung von Krankenakten (Entdeckung unerwünschter Abweichungen (wie man die gesuchten Abweichungen herausfischt)

10 Bow-tie-Modell: Instrument zur Risikoanalyse (Wie man sich im Zusammenhang mit Critical Events eine systematische Übersicht verschafft)

11 Gesundheits-FMEA: Instrumente einer proaktiven Risikoanalyse (mit Beispielen aus dem Gesundheitswesen)

12 Root Cause Analysis: Instrument zur nachgehenden Risikoanalyse Risikoanalyse (Die 7 Stufen)

13 PRISMA: IT-gestütztes Instrument zur strukturierten reaktiven Analyse von Incidents (Prevention and Recovery Information System for Monitoring and Analysis)

14 Benchmark / Indikatorenvergleich: Instrumente zur Messung und zum Vergleich von Qualität und Sicherheit der Behandlung (gewisse Ähnlichkeit zu BQS)

15 Die vorbeugenden Maßnahmen (im Sinne des IHI) ergebnisbezogen bündeln

16 Rapid Response Teams (Für eine rasche Reaktion auf erkannte Vorkommnisse)

17 Auszeit-Methode (Kurz innehalten, bevor man ans konkrete Verändern geht; nicht so lange wie bei uns!)

18 Debriefing im OP (Beispiel für die Einführung von Formalismen im OP-Betrieb) 

19 Management personeller Ressourcen im OP-Betrieb (Vor- und Nachteile alternativer Vorgehen)

20 SBAR: Rahmen für eine sichere Kommunikation (ein situatives Briefing-Modell)

21 Multidisziplinäres Teamtraining von Health Care Professionals in einem Simulationszentrum (Lernen, wirklich im Team zu arbeiten)

Stichwortverzeichnis

Dieses Buch zeigt einmal mehr, wie schnell man internationale Erkenntnisse auch bei uns in konkretes Handeln umsetzen könnte, wenn man dazu nicht zu träge und / oder zu borniert oder was auch immer wäre und eh schon alles besser weiß. Hier eben am Beispiel der Patientensicherheit und des Risikomanagements. Die Lektüre ist sehr zu empfehlen. Für alle, die sich an sie herantrauen: Sie ist nicht auf Holländisch, sondern erfreulicherweise in gut lesbarem Englisch geschrieben! (+++)

 

 

 

Anmerkung: Hier werden nur Bücher und Texte besprochen, die der Rezensent aus persönlicher Einschätzung für die Arbeit in Gesundheitseinrichtungen empfiehlt, oder ärgerliche, deren Kauf und Lektüre man sich sparen sollte. – Zu weiteren Buchempfehlungen sehen Sie auch in unsere Website!

Liste der bisher besprochenen Bücher

 


10. Widerspruch

An dieser Stelle finden Sie Stellungnahmen zu Nachrichten aus dem deutschen Gesundheitswesen, die nicht unkommentiert bleiben sollen, (oder auch gelegentlich Anregungen aus dem Ausland, die hier beachtet werden sollten).

 

 

Wider die schleichende Sozialisierung der Gesellschaft

 

Dass wir nun einmal von einer großen Koalition aus Christlich-sozialistischer Union und sozial-sozialistischer Partei regiert werden, haben sich die deutschen Wähler selbst zuzuschreiben. Dass diese auch noch danach zu streben scheint, politisch offensichtlich erfolgreiche ‚Rattenfänger von Hameln’ von links zu überholen, zeigt die politische Entwicklung der letzten Jahre. Die Demoskopen bestätigen, dass diese hierzulande deutlichen Mehrheiten zu behagen scheint.

Doch das ist ‚große Politik’. Die können wir so wenig ändern wie das Wetter. Die wird sich wohl auch künftig erst ändern, wenn die Wirtschaft des Landes nicht länger von außen und dank der immer noch vielen tüchtigen Unternehmer und Unternehmen in Deutschland in bescheidene Wachstumsraten gezogen wird.

Das könnte dank der auf „Mehr Sozialismus“ stehenden deutschen Wetterfahnen leider weit eher passieren, als uns allen lieb sein kann. Dann spätestens können die derzeit Regierenden den Leuten nicht länger vorgaukeln, das Wachstum sei ihr Verdienst.

Weitaus schlimmer ist hierzulande die scheinbare Schwindsucht rationalen Denkens, wie es beispielsweise im Wirtschaftlichkeitsprinzip zum Ausdruck kommt. Einmal leichtfertig ausgegebenes Geld für wichtigere Dinge ist nicht mehr verfügbar. Also hat man darauf zu achten, für einen vorgegebenen Zweck nicht mehr auszugeben als nötig: Geiz ist geil!

Das gilt auch für jene Felder, die weithin als öffentliche Güter angesehen werden, wie die öffentlichen Verkehrsmittel, das Bildungswesen oder der Gesundheits- und Sozialbereich.

Deren Leistungen werden dann und nur dann für alle weiter bezahlbar sein, wenn –trotz allen ideologie- (oder interessen-)geprägten Aufheulens – endlich ein möglichst großer Teil der ‚eingebauten’ Verschwendung zum Nutzen aller herausgeharkt wird. Im System und in seinen Institutionen. Und zugleich so viel Geld mit Wertschöpfung verdient (und nicht nur verteilt!) wird, damit ohne allzu große Probleme genügend Steuern und Abgaben für deren Finanzierung gezahlt werden können.

Der Privatwirtschaft braucht man das nicht zu raten. Die handelt so schon aus Eigennutz. Das ist der auch von seinen Gegnern nicht wegdiskutierbare Vorteil des – neuerdings sogar von der SPD öffentlich gegeißelten – Kapitalismus.

Dieses ökonomische Naturgesetz endlich in die Köpfe möglichst vieler Zeitgenossen zu hämmern, ist für unsere Gesellschaft eine Frage des Überlebens. Umso ärgerlicher ist es, ständig hören und lesen zu müssen, es bedürfe ‚höheren Orts’ nur der Bereitschaft, die „Stellschrauben“ (Michael Sommer) an den doch vorhandenen Füllhörnern etwas „gerechter“ zu drehen, um alle vorhandenen Probleme zu lösen. Leider machen auch (hoffentlich) gut gemeinte Vorschläge noch lange keinen funktionierenden „demokratischen Sozialismus“. Das zumindest sollte man doch endlich aus der Geschichte gelernt haben!

Dann kommen auch die mittlerweile händeringend gesuchten ausländischen Fachkräfte. „Internationale Topperformer meiden Länder mit sozialistischem Einschlag“ (Hermann Simon im Manager Magazin 11/2007). Dann müsste man auch hierzulande nicht länger Sätze wie diesen (ausnahmsweise einmal nicht den öffentlichen Verlautbarungen im Gesundheitswesen entnommenen) lesen: „Bildung ist kein Produkt. Sie braucht Zeit und Zuwendung“ (Tagesspiegel 28. Oktober 2007). Warum können die nicht Teil des Produkts sein?

Und warum sollten wir nicht auch endlich versuchen, die Produkte der Krankenbehandlung für alle dadurch dauerhaft bezahlbar zu halten, dass wir unser Angebot endlich auf das konzentrieren, was den Menschen nachweislich nutzt und hilft?