Exzellentes Management im Gesundheitswesen
24.03.17 17:25

Leitspruch

"Aufklärung ist der Ausgang des Menschen aus seiner selbstverschuldeten Unmündigkeit....

22.03.17 17:39

NEU! hmanage Newsletter 495.

Der hmanage Newsletter 495 ist da. Nachdem Sie diese Nachricht aufgerufen haben, können Sie den...

26.05.17 14:19

(hmanage) 20 Jahre komplett vertan?

(Vorabversion - aktualisiert)

 

Eine E-Mail von healthcareDIVE brachte eine Erinnerung zurück: an...

23.05.17 18:24

(Fierce Healthcare) “Mit weniger Verschwendung die Patientensicherheit steigern”

“Putting a lid on waste: Needless medical tests not only cost $200B—they can do harm”

16.04.17 18:31

(blogridge) Führungsprinzipien beim aktuellen Gewinner des Baldridge Award

“Leadership Practices of 2016 Baldrige Award Recipients: Memorial Hermann Sugar Land Hospital”

14.04.17 18:42

(Health Leaders Media) Stationäre Versorgung im ländlichen Bereich: Anregungen

“In Remote Idaho, A Tiny Facility Lights The Way For Stressed Rural Hospitals”

12.04.17 12:27

Asklepios-Werbung im Hamburg-Newsletter „Elbvertiefung“ der ZEIT

“Unsere Kliniken verfügen über ein kontinuierliches Qualitätsmanagement, denn die Sicherheit Ihrer...

Willkommen

301 - 11. September 2007 - Aktuelle Sinnsprüche und Informationen auf unserer Website www.hmanage.net


Motto des Tages

"Why not go out on a limb - isn't that where all the fruit is?"

 

(Frank Scully)

 

Quelle: Baptist Health Care Leadership Institute

 


01. Editorial: The Toyota Way

Zugegeben: Als Autofahrer stehe ich nicht auf Toyota. Ich kann es mir auch noch leisten, in Sachen Verlässlichkeit, Produktqualität und Haltbarkeit ein weniger gutes Auto zu fahren. Dies ist also keine Reklame für Toyotas Produkte. Doch die Art und Weise der Erzielung seines Welterfolgs – Toyota wird in Kürze der größte Autohersteller der Welt sein – gibt jede Menge Anregungen, was man tun und was man besser nicht tun sollte. Auch im Gesundheitswesen und in seinen Einrichtungen. Hier soll nach der Lektüre eines Interviews mit dem Toyota-Chef zu unternehmensinternen Fallstricken (‚Wir müssen uns vor Überheblichkeit in Acht nehmen’) wieder einmal daran erinnert werden, was wir von Toyota lernen könnten, wenn wir denn wollten*. Leider gibt die deutsche Website dazu keine Auskunft. Auch auf der amerikanischen erfährt man auf Abfrage: “Your search for ‘quality management’ returned 0 results”. Die Lehre daraus kann nur lauten:

 

Machen Sie mit ihrem Qualitätsmanagement keine Reklame, sondern mit der Qualität ihrer Produkte!

 

Und die Qualität kommt auch nicht von ungefähr. Auch nicht bei Porsche. Die haben auch erst mühsam „Toyota“ gelernt. Die Qualität stellt sich nicht bei dem Bemühen ein, „Zertifikate“ zu erringen. Besonders dann nicht, wenn die (wie KTQ) bei genauerem Hinsehen gar keine Qualität belegen, ganz gleich welche Aha-Erlebnisse (so die Standard-Beteuerung beim Nachhaken, wofür das Ganze denn gut gewesen sei) man bei ihrer Vorbereitung erlangt haben mag. Auch nicht solche, die zwar einen Haufen Arbeit machen, aber schon mit so trivialen Dokumenten zu erringen sind, dass sich die entsprechenden Fachleute wundern, was damit wohl belegt werden soll (z.B. mit der Zertifizierung von Brustzentren nach ISO 9001). Aber „man muß sie ja haben!“ Das Schlimme ist: Der Satz stimmt! Nur zur Qualität verhilft man sich so nicht. Eher fällt in China ein Sack Reis um…!

 

Man muß schon bereit sein, wenn nötig sich und die ganze Organisation zu ändern!

 

Das ist schwer. Denn es stört Gewohnheiten. Man muß die geschätzte eigene Person hinterfragen. Wer macht das schon gern? Damit sind Interessen berührt. Und zwar solche von der besonders harten Art, nämlich (auch wenn das niemand so unverblümt sagt) ökonomische. Und natürlich all die „gewachsenen“ Machtstrukturen, die unendlich vielen im Inneren des Systems Betroffenen das Leben so schwer zu machen pflegen. Einschließlich jener häufig besonders engagierten Zeitgenossen, die eigens fürs „Qualitätsmanagement“ angeheuert wurden. Das ist – so wie es im deutschen Gesundheitswesen aufgezäumt wurde – zum allergrößten Teil ein absoluter Murks. Daran ändert auch die Tatsache nichts, dass z.B. (laut Selbmann 2007) „44% der befragten Akut-Krankenhäuser ein Qualitätsmanagement umgesetzt haben“! Nicht umsonst ist hierzulande völlige Funkstille, wenn man sich nach konkreten Verbesserungen umhört.

 

Natürlich ist der Wandel nicht von heute auf morgen zu bewerkstelligen.

 

Der Weg zur Spitze hat auch bei Toyota Jahrzehnte gebraucht. Aber keine Jahrzehnte Abwarten (oder Produzieren von Alibi-Beweisen fürs Qualitätsmanagement, sondern harter Veränderungsarbeit. Auf Japanisch „Jojo“ = langsam, evolutionär und stetig. Hier noch einmal (aus HBR übersetzt) die Grundpfeiler von „The Toyota Way“:

 

Kontinuierliche Verbesserung 

  • Challenge = Herausforderung:Um unsere Träume zu verwirklichen, schaffen wir eine langfristige Vision, gehen Herausforderungen mutig und kreativ an. 
  • KAIZEN = Kontinuierliche VerbesserungWir verbessern – stets auf Innovation und Evolution bedacht – unsere Geschäftsprozesse kontinuierlich.
  • Genchi Genbutsu = „Sehen Sie selbst nach“:Wir gehen zum Herausfinden der Fakten den Ursachen auf den Grund, die erforderlich sind, um korrekte Entscheidungen zu treffen, einen Konsens herbeizuführen und unsere Ziele zu erreichen.

 

Respekt vor den Mitmenschen

  • Respekt:Wir respektieren andere, machen alle Anstrengungen, einander zu verstehen, Verantwortung zu übernehmen und unser Bestes zu tun, das gegenseitige Vertrauen zu stärken.
  • Teamwork:Wir stimulieren die persönliche und professionelle Weiterentwicklung, teilen die Gelegenheiten dazu und maximieren die Leistung von Einzelnen und Teams.

 

Das hört sich alles doch ganz simpel an. Umso erstaunlicher, dass es hierzulande als so furchtbar schwierig angesehen wird. Merke. „Der Fisch beginnt am Kopf zu stinken“. (Das ist für die „Untergebenen“ allerdings nicht als Ausrede zu verstehen!)

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* Lessons from Toyota’s Long Drive, The HBR Interview Katsuaki Watabane, Harvard Business Review July-August 2007, www.hbr.org.

 

 


02. (Baptist Leadership Institute) Warum Führungskräfte sich nicht für Veränderungen einsetzen

Trying to Initiate Change in Your Organization? Why Leaders Don’t Commit to Change...

Quelle  

Anmerkung:
Die uns (in diesen Tagen erreichende) Meldung ist aufschlussreich: Die meisten Führungskräfte halten ihr Engagement eh schon für spitzenmäßig. Warum sollte man da noch etwas verbessern? Außerdem: Es läßt sich doch sowieso nichts bewegen! Wem kommt das nicht irgendwie bekannt vor?

 


03. (AHA) Krankenhausvergleiche für Krankenhausauswahl weniger geeignet

"Study: List excludes some top hospitals for heart attack care..."

Mehr

Anmerkung:
Das gilt für ernstzunehmende Krankenhausvergleiche. Nonsens ist ohnehin Nonsens!  


04. (Trustee) Therapiefreiheit versus Ärztliche Verantwortung

Physician Autonomy vs. Accountability: Making Quality Standards and Medical Style Mesh

As the data supporting the value of evidence-based medicine grows, with its contingent best practices for quality and patient safety, it inevitably comes into conflict with one of medicine’s most hallowed traditions—the autonomy of the physician...

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05. (H&HN) Wie man zu einer geradezu epidemischen Verbesserung der Patientenzufriedenheit gelangt

How to Create a Patient Satisfaction Epidemic

If a manager is failing to inspire better performance, encourage others within the organization to create a groundswell of change...

Mehr 


06. (AHRQ) Vermeidbare Behandlungsfehler sollen in den USA künftig nicht mehr bezahlt werden

Medicare says it won't cover hospital errors.

This article reports on a new Centers for Medicare and Medicaid Services (CMS) rule mandating that Medicare will no longer pay for treating certain preventable errors starting in 2008, including some hospital-acquired infections, decubitus ulcers, and retained foreign bodies…

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07. (Urgent Matters) Mitarbeiterzufriedenheit Treiber für exzellente Ergebnisse

Employee Satisfaction: Key to Driving Performance Excellence

In today’s health care market, American hospitals are faced with intense competition, declining reimbursements, and workforce shortages. Healthcare consumers choose hospitals where they believe they will receive the very best care and service…

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08. Links

Berliner Krankenhausvergleich

http://www.manager-magazin.de/koepfe/karriere/0,2828,501621,00.html
Die beliebtesten Arbeitgeber der BWLer: Niemand aus dem Teil der „Gesundheitswirtschaft“, die sich neuerdingsgern als solche bezeichnet, also aus Krankenhäusern oder Krankenkassen!

Beste medizinische Website gesucht

The VA Computerized Patient Record System (CPRS) Demonstration System

HRSA: Health Center Emergency Management Program Expectations

Emergency Response Planning in Hospitals, United States: 2003 –2004

Ärzteblatt: 89 Prozent der Deutschen vertrauen ihrem Hausarzt

"Deutsche mit Gesundheitssystem sehr unzufrieden"

http://www.omnimedix.org/management.html  Omnimedix Management

ÄZQ: Interessante Informationen zur Patientenbeteiligung

Ärzteblatt: "Personalabbau in der Pflege: Nebensache Patient": Die Kausalität mag es geben. Doch hier hat sie der Überschriftenredaktuer dazuerfunden.

"Schwerpunktthema Patient safety"

Stichwort Patientenzufriedenheit

Ärzteblatt: "Neue Daten zur Behandlungsqualität in deutschen Krankenhäusern 2006"; kaum ein Wort dazu, dass keineweswegs alles zum Besten steht: So wird es nie etwas mit einer kontinuierlichen Verbesserung!

"iSOFT setzt Maßstäbe für die Krankenhaus-Initiative 'Elektronische Fallakten'"

Ärzteblatt: USA: Walk-in-Kliniken auf dem Vormarsch

Study tracks 'learning curve' in prostate surgery: Von solchen Informationen bleiben wir hierzulande verschont. Warum eigentlich?

The Moral Foundations of Health Insurance

The Learning Healthcare System: Workshop Summary - Roundtable on Evidence-Based Medicine, LeighAnne Olsen, Dara Aisner, and J. Michael McGinnis, editors, US Institute of Medicine (IOM), 2007. Available online at: http://www.nap.edu/catalog.php?record_id=11903#orgs  
PDF summary [49p.] at: http://books.nap.edu/execsumm_pdf/11903.pdf

Ärzteblatt: Rüegg-Stürm, Johannes, Krankenhäuser im Umbruch: Ansatzpunkte für eine erfolgreiche Weiterentwicklung

http://www.hanebuechlein.de/exot/buergelmaschine/ Zu Ehren von Dukumenta-Macher Roger M. Buergel

 


09. Buchbesprechung

Bewertung (+++) = sehr gut über (0) = neutral bis (-) = nicht empfehlenswert. Bestellung – soweit nicht ausgeschlossen – durch Anklicken des Titels hier oder über unsere Website www.hmanage.net bei Amazon.

 

 

Longman, Phillip, Best Care Anywhere, Why VA Health Care Is Better Than Yours (Vorwort von Noah, Timothy), Sausalito, CA, ISBN-10: 0977825302, ISBN-13: 978-0977825301, AMAZON 

„Best Care Anywhere“: Der Titel macht neugierig, desgleichen die Empfehlungen von Donald Berwick und anderen auf dem Buchrücken des – gerade einmal 136 Seiten umfassenden – Textes (plus Fußnoten mit unendlich vielen Links zu den herangezogenen Quellen, die man gern elektronisch hätte; man sollte die Links komplett scannen). Da auch von VA Health Care in den letzten Jahren interessante Nachrichten kamen, war klar: Das Buch wird beschafft und gelesen! Hier die (von uns teils sinngemäß übersetzte) Gliederung:

 

Vorwort

Einführung 

1.      „Best Care Anywhere“ – Die bestmögliche Krankenbehandlung überhaupt

2.      „Hitting Bottom“ – Erfahrungen aus einer Talfahrt

3.      „Revenge of the Hard Hats” – Die Rache der Computer-Freaks

4.      VistA in Action – Eine systemweit datenbankgestützte IT

5.      “The Kizer Revolution” – Ein einziger Mann brachte die Wende

6.      „Safety First“ – Patientensicherheit belegt

7.      „Who cares about Quality?“ – Wen interessiert hier schon Qualität?

8.      “When less is more” – Überflüssiges systematisch weglassen

9.      “Battle Plan” – Konsequenzen für Nachfolger

10. “Health for Life” – Eine koordinierte Behandlung von der Wiege bis zur Bahre

Epilog

Danksagungen

Fußnoten

Stichwortverzeichnis

Über den Autor

 

Hier ist weder über ein wissenschaftliches Werk noch über ein Arbeitsbuch zu berichten, sondern über das Buch eines – in der Sache erfreulich engagierten und sachkundigen – Journalisten. Das hat den Vorteil des Blicks von außen, aber auch den Nachteil, nicht immer wirklich ganz genau recherchiert zu haben.

 

So lesen wir z.B., in Deutschland seien die Elektronischen Krankenakten schon lange vernetzt und alle Bürger hätten eine Chipkarte mit ihren persönlichen Daten. Dabei stützt sich Longman auf eine einzige Quelle, eine der beliebten “wissenschaftlichen” Befragungen der Verantwortlichen, die sich in dieser Branche gern (so auch hier) allerlei Erfolge in die Tasche lügen.

Auch die Schlussfolgerung aus der Beobachtung einer ganzheitlicheren Versorgung beim Staatsbetrieb VA Health Care dank einer besseren IT-Vernetzung, dass staatliche Einrichtungen zwangsläufig eine bessere Gesundheitssicherung zustande brächten als kommerzielle Wettbewerber, ist zumindest leichtfertig: Longman plädiert allen Ernstes immer wieder für ein Gesundheitssystem in staatlicher Regie! Dieses generelle Postulat schwächt er allerdings auf den letzten Seiten des Buches doch wieder gründlich ab: Nun soll es ein wettbewerbsgeprägtes Gesundheitssystem in staatlicher Regie sein. Dazu hätte er sich besser vorher einige reale „Systeme“ ansehen sollen, die – wie Großbritannien – gänzlich oder – wie Deutschland – zumindest weitgehend in staatlicher Regie organisiert und finanziert sind! Gleichwohl sollte man die Fehlanreize privatwirtschaftlicher Träger („Quality doesn’t pay“) durchaus ernst nehmen! 

Doch zumindest wird in diesem Buch einiges sehr deutlich: Solange es keine Vorgaben und Anreize für eine bessere Krankenbehandlung gibt, versagen privatwirtschaftliche Mechanismen. Warum sollte man eine möglicherweise überflüssige Diagnostik und Therapie für „pseudodiseases“ transparenter machen, wenn man – so wie man heute handelt – doch gut daran verdient? Warum sollte man zur Ertrags- und Gewinnminderung gar in menschenfreundlichere und effektivere Prozesse und Strukturen investieren?

Das macht das Buch – wie man sieht – auch für uns sehr interessant. Hier einige Stichworte dazu, wo VA Health Care („The Toyota of Healthcare“) auch für Deutschland manche nützliche Anregung bereithält:

  • a) Eine systemweit strikte (und nicht nur gefühlte) Orientierung an den Prinzipien der Evidence based medicine („standard medical protocols“)
  • b) VistA: Ein systemweiter IT-Einsatz mit Real-time-Zugriff auf eine lebenslange Krankenakte – auch aus längerfristigen ökonomischen Gründen
  • c) Patienten kommunizieren mit VA Health Care via Internet, nutzen zunehmend die Telemedizin und führen bald auch ihre eigene elektronische Krankenakte (http://www.myhealth.va.gov/)
  • d) Eine – aus eigener IT-Auswertung abgeleitete – Evidence based – Medikation samt zugehörigem Medikamentenkatalog („formulary“)
  • e) Abbau einer innerorganisatorisch und systemweit fragmentierten Behandlung, die weder die Behandlungsqualität noch die Patientenzufriedenheit gewährleistet
  • f)  Ganzheitliche, nahezu lebenslange Behandlung mit dem Schwerpunkt der Prävention (samt Anreizen dazu)
  • g) „Who is in charge of quality control?“ Ein Qualitätsmanagement, das in die Routine der Ärzte, Pflegekräfte und sonstigen Spezialisten verwoben ist.
  • h) Abbau finanzieller Anreize für Ärzte und Krankenhäuser, in Diagnostik und Therapie nachweislich Unnützes zu tun oder zu veranlassen
  • i)  Eine unvergleichliche Fehlerkultur samt Patient Safety Event Registry („Reporting on medical mistakes became mandatory“) – incl. “close calls” / “near misses”
  • j)  Unvergleichlich niedrige Behandlungskosten je Fallart / Durchschnittskosten pro Patient als alle anderen amerikanischen Leistungserbringer
  • k) Klinische Forschung auf der Grundlage großer Mengen von Routinedaten (z.B. sonst kaum erkennbare Korrelationen)
  • l)  Bei allen zur Krankenbehandlung sowie zur Patientenzufriedenheit verfügbaren Parametern bessere Ergebnisse als alle anderen Leistungserbringer
  • m) Einen begnadeten Manager („wie Andy Grove oder Jack Welch“) an der Spitze, der sich lange auch gegen Aufsichtsbürokraten / Gewerkschaften durchsetzte

 

Daneben gewinnt der Leser mancherlei interessante Einblicke ins US-amerikanische Gesundheitswesen, die Rolle von Staat und Arbeitgebern sowie die diesbezügliche Politik der Republikaner und Demokraten. Zugleich wird er feststellen, dass sich die Gepflogenheiten vieler Mediziner diesseits und jenseits des großen Teiches kaum voneinander unterscheiden. Dort sind sie nur eine Weile eher unter Druck geraten: „The more doctors and specialists around, the more tests and procedures performed. And the results of all these extra tests and procedures? Lots more medical bills, exposure to medical errors, and a loss of life expectancy”. Das wird nur behauptet, sondern anhand einer Reihe von Quellen (im Kapitel 8) auch eindrucksvoll belegt. Desgleichen dieses Faktum amerikanischer ‚Hochleistungskrankenhäuser’: „… patients in high-spending hospitals with lots of specialists and high technology are also less likely to recieve many proven routine treatments.

 

Auch wenn hier „amerikanische Verhältnisse beschrieben werden und gegenüber einem staatlich geprägten Gesundheitswesen eine zu rosarote Brille aufgesetzt wird, eine insgesamt sehr lesenswerte Lektüre. Das Buch rückt auch den blinden Glauben vieler im deutschen Gesundheitswesen und in der Gesundheitspolitik zurecht, eine ‚Privatisierung’ sei die Lösung aller Probleme. Dadurch entstehen nur andere, die eigentlich jeder Ökonomiestudent in den ersten Semestern lernen sollte! (+++)

 

 

 

Anmerkung: Hier werden nur Bücher und Texte besprochen, die der Rezensent aus persönlicher Einschätzung für die Arbeit in Gesundheitseinrichtungen empfiehlt, oder ärgerliche, deren Kauf und Lektüre man sich sparen sollte. – Zu weiteren Buchempfehlungen sehen Sie auch in unsere Website!

Liste der bisher besprochenen Bücher

 


10. Widerspruch

An dieser Stelle finden Sie Stellungnahmen zu Nachrichten aus dem deutschen Gesundheitswesen, die nicht unkommentiert bleiben sollen, (oder auch gelegentlich Anregungen aus dem Ausland, die hier beachtet werden sollten).

 

 

 

Zu Ulla Schmidt und der Pflege: "Ich will die Würde der Älteren schützen“

 

Bezug: Tagesspiegel-Interview am Montag, 10. September 2007

 

Nachdem ihr nun schon die „Krankenhausreform“ so grandios daneben gegangen ist, will sich unsere Gesundheitsministerin jetzt der Pflegebedürftigen annehmen: „Ich will …“. Dass sie durchzusetzen versteht, was sie will, hat sie hinlänglich bewiesen. Also muss man wohl ernst nehmen, was sie dazu dem Tagesspiegel verkündet.

 

Hier einige charakteristische Ausschnitte:

 

„…Gegen die schwarzen Schafe will ich auch durch häufigere Kontrollen schärfer vorgehen. Ich will, dass denen, die die Qualitätsstandards nicht einhalten, unverzüglich die Verträge gekündigt werden können. Das ist jedoch juristisch schwierig…

 

… Anders als in der Gesundheitsversorgung müssen in der Pflege die Qualitäts- und Expertenstandards noch Schritt für Schritt entwickelt werden. Das Gesetz wird solche Standards in der täglichen Pflege verpflichtend machen. Daraus folgen dann qualitätsgesicherte Leistungen für die Menschen…

 

… Ich möchte im Gesetz festlegen, dass künftig für rund 80 bis 100 Pflegefälle ein professioneller Pflegebegleiter zuständig ist. Ideal dafür geeignet … ausgebildete Pflegerinnen und Pfleger mit sehr guten Kenntnissen des Sozialrechts. Die haben darauf zu achten, dass die Menschen ihre Leistungen erhalten. Sie sollen Rat geben, Qualität prüfen, Angehörigen helfen und die Rechte der Pflegebedürftigen durchsetzen. Und wir werden Heimärzte im Gesetz verankern…

 

… Wir wollen ja wohnortnahe Pflegestützpunkte, einen pro 20 000 Einwohner, und da soll dann alles unter einem Dach vorhanden sein, was heute an Hilfen von vielen verschiedenen Stellen geholt werden muss. Vorgesehen ist, dass die Begutachtung und Entscheidung innerhalb von fünf Wochen erfolgen muss… Durch die wohnortnahe Organisation soll die Pflege mehr Zeit, mehr Gesicht und mehr Zuwendung erhalten… Für die Einbindung bürgerschaftlichen Engagements in die Pflege soll es zusätzlich Geld geben… An den neuen Leistungssätzen oder den Pflegestützpunkten müssen die privaten Pflegeversicherungen sich natürlich beteiligen…“

 

Auf konkrete Fragen wie diese hat die Ministerin – wen wundert’s – bestenfalls ausweichend reagiert: „Offensichtlich sind in deutschen Pflegeheimen mehrere Straftatbestände erfüllt: Vernachlässigung, unterlassene Hilfeleistung, Drogenmissbrauch. Nach den Prüfberichten des Medizinischen Dienstes wird ein Drittel der Pflegefälle in den Heimen schlecht ernährt, bekommt zu wenig zu trinken oder wird falsch behandelt“. Oder „Ist es nicht beschämend, dass es neue Standards braucht, um die Menschenwürde in Pflegeheimen zu garantieren?“

 

Zur Erinnerung:
Hier geht es um die Sicherung der Altenpflege in einer alternden Gesellschaft. Neben der immer schwierigeren Finanzierung geht es um eine Betreuung in einer angemessenen pflegerischen Mindestqualität.

 

Was tut Frau Schmidt?

 

Sie wirft zum Finanzierungsproblem Nebelkerzen. Und zur Sicherstellung der Qualität plant sie ausgerechnet eine „Verbesserung der Prüfverfahren“ für „qualitätsgesicherte Leistungen für die Menschen“, obwohl jeder weiß, wie wenig sie sich in der „Gesundheitsversorgung“ angeblich schon bewährt haben.

 

„Qualitätsgesichert“: Die Phrase ist zwar mittlerweile tatsächlich oft zu hören. „Gesichert“ ist die Krankenversorgung aber trotz G-BA, BQS, iqwig, KTQ®  und „Qualitätsberichten“ etc. noch lange nicht. Qualitätstransparenz liegt – von wenigen löblichen Ausnahmen für kleine Teilbereiche (wie BQS) abgesehen –noch in weiter Ferne. Trotz mittlerweile eines Jahrzehnts vermeintlicher Qualitätsbemühungen. Was dank der segensreichen Tätigkeit unserer Ministerin wirklich massiv gewuchert ist, ist eine – sich längst verselbständigende – Qualitätsbürokratie, heftiges Klopfen auf die eigene Schulter und unübersehbar viel Qualitätsgequatsche.

Messbar besser geworden sind die Ergebnisse in der Zwischenzeit praktisch nichts

. Es sei denn, man betrachte schon die Schaffung „qualitätssichernder“ Arbeitsplätze als einen Fortschritt. Doch die wurden ja nicht selten der Arbeit an der Basis vorher erst entzogen.

 

Solche gefühlte Qualitätssicherung hat uns in der Pflege gerade noch gefehlt!

 

Wir brauchen keine – zusätzliche Verwaltungskosten verursachende und den Druck auf die Stellenzahl der Pflegenden eher noch erhöhende - neue Pflegebürokratie. Weder mit noch ohne Qualitätsetikett. Doch wir werden ja von so selbstgerechten Politikern regiert, dass diese Forderung wohl sicher verpuffen wird.

 

War wäre nun wirklich zu tun?
Wir brauchen in der Altenpflege und -betreuung – neben einem vermehrten Engagement aller Bürger –engagierte, qualifizierte Pflegekräfte (und keine Ärzte). Wir brauchen genügend positive Anreize für deren vermehrtes Engagement. Dazu gehört gewiss auch eine angemessene Bezahlung! Und eine massive Weiterqualifizierung. Vermutlich auch eine bessere Ausbildung (z.B. im Sinne der amerikanischen RNs), verbunden mit einem wachsenden Ansehen der Pflege.

 

Wir brauchen (Preis-), Prozess- und Ergebnistransparenz. Und einen Wettbewerb um öffentliche Beispiele für „Best Practice“! Samt einem hoch dotierten Deutschen Pflegepreis. Wir brauchen im Bedarfsfall ein unbürokratisch besseres Zusammenspiel zwischen den pflegerischen und ärztlichen Aktivitäten mit jenen der treuhänderischen Verwaltung von Versichertengeldern. (Es ist nicht bekannt, dass das Beschäftigen von Ärzten in Pflegeeinrichtungen bisher verboten war).

 

Wir brauchen mehr Vielfalt in der Pflege. Sowohl was die Institutionen angeht als auch die Art der Zusammenarbeit. Die dürfte umso eher zu erzielen sein, desto weniger man die (Bezahlungs-)Details regelt. Was allerdings zwingend notwendig ist, ist eine breite Kenntnis dessen, was eine wirklich gute Pflege ausmacht. Dann werden sich die Leistungserbringer schon selbst bemühen zu beweisen, zu den Besseren (und Erfolgreicheren) unter den Anbietern zu gehören!