Exzellentes Management im Gesundheitswesen
24.03.17 17:25

Leitspruch

"Aufklärung ist der Ausgang des Menschen aus seiner selbstverschuldeten Unmündigkeit....

22.03.17 17:39

NEU! hmanage Newsletter 495.

Der hmanage Newsletter 495 ist da. Nachdem Sie diese Nachricht aufgerufen haben, können Sie den...

26.05.17 14:19

(hmanage) 20 Jahre komplett vertan?

(Vorabversion - aktualisiert)

 

Eine E-Mail von healthcareDIVE brachte eine Erinnerung zurück: an...

23.05.17 18:24

(Fierce Healthcare) “Mit weniger Verschwendung die Patientensicherheit steigern”

“Putting a lid on waste: Needless medical tests not only cost $200B—they can do harm”

16.04.17 18:31

(blogridge) Führungsprinzipien beim aktuellen Gewinner des Baldridge Award

“Leadership Practices of 2016 Baldrige Award Recipients: Memorial Hermann Sugar Land Hospital”

14.04.17 18:42

(Health Leaders Media) Stationäre Versorgung im ländlichen Bereich: Anregungen

“In Remote Idaho, A Tiny Facility Lights The Way For Stressed Rural Hospitals”

12.04.17 12:27

Asklepios-Werbung im Hamburg-Newsletter „Elbvertiefung“ der ZEIT

“Unsere Kliniken verfügen über ein kontinuierliches Qualitätsmanagement, denn die Sicherheit Ihrer...

Willkommen

295 - 26.06.2007 - Aktuelle Sinnsprüche und Informationen auf unserer Website www.hmanage.net


Motto des Tages

„Qualität in der Medizin wird das zentrale Steuerungsinstrument der Gesundheitsversorgung in Deutschland werden"

(Ulf Fink)

Quelle: Der Tagesspiegel 17. Juni 2007

 


01. Editorial: "Warum Ärzte oft falsch behandeln: Der betrogene Patient"

„Therapiefreiheit ist … nicht Freiheit zur Beliebigkeit“ (ÄZQ-Chef Ollenschläger)

 

Unter dieser ziemlich reißerischen Überschrift bietet die Monatszeitschrift „Die Zeit Wissen“ in ihrem Aprilheft auf wenigen Seiten etwas äußerst Lesenswertes: Eine (soweit nachvollziehbar fachlich solide) Bestandaufnahme dessen, was Patienten in Deutschland heutzutage häufig zu erwarten haben, wenn sie sich genötigt sehen, sich in eine ambulante oder stationäre Behandlung zu begeben. Keineswegs eine Behandlung nach dem Stand der Erkenntnis, sondern etwas, das der Arzt – wissenschaftlich belegte („evidenzbasierte“) Vorgehensweisen immer souverän ignorierend – im Rahmen einer überdehnten „Therapiefreiheit“ als geboten betrachtet: „Ärzte wählen ihre Behandlungsmethoden oft nach Intuition und Erfahrung, selbst wenn sie unnütz sind und die Forscher eine ganz andere Therapie empfehlen“. Das entspricht exakt dem Gesamteindruck, den der Berichterstatter in den letzten Jahrzehnten im Zuge unzähliger Diskussionen mit Vertretern dieses Standes über EBM, Leitlinien oder gar Klinische Pfade gewonnen hat: Die Zahl der Ärzte, die die Einstellung ihrer Kollegen kritisch sehen, wächst zwar langsam, aber angesichts der Tatsache der Fortgeltung des Hippokratischen Eides irritierend langsam.

 

Diesen Satz aus dem Text kann man gar nicht oft genug wiederholen: „Aus internationalen Studien weiß man, dass nur etwa 30 bis 40 Prozent aller medizinischen Maßnahmen auf evidenzbasierten Ergebnissen wissenschaftlicher Studien basieren“. Was heute an Therapeutik wissenschaftlich hinreichend gesichert ist, ist weit weniger als die Hälfte dessen, was heutzutage angewendet (und aus überwiegend zwangsweise eingezogenen Versichertenbeiträgen bezahlt) wird. Der Rest ist wirkungslos oder gar schädlich. Darüber erfuhren Patienten und die interessierte Öffentlichkeit in der Vergangenheit nahezu nichts. Hier wird dem Leser rasch klar: Es gibt in Deutschland gravierende ärztliche „Haltungsschäden“. Auch was man wissen könnte, wird nicht getan. Bei der Aufbereitung gesicherten medizinischen Wissens hapert es angesichts des (in Deutschland) vergleichsweise späten Starts einer systematischen Befassung mit der EBM zudem gewaltig.

 

Dass kann der Berichterstatter u.a. deshalb gut beurteilen, weil er zum einen bereits Anfang der 70er Jahre über: A.L. Cochrane’s erstmals 1971 vom britischen Nuffield Provincial Hospital Trust veröffentlichten Schlüsseltext „Effectiveness and efficiency, Random refelections on health services“ zum Thema gestolpert ist (und noch heute über eine schlechte Fotokopie davon verfügt. Eine Besprechung findet sich – samt Hinweis auf einen noch heute verfügbaren Nachdruck – übrigens im hmanage Newsletter 245). Zum anderen hat er die weitere Entwicklung auf diesem Gebiet die ganze Zeit verfolgt, seit Mitte der 80er Jahre für einen Nichtmediziner wohl vergleichsweise hautnah.

 

Im Text findet sich auch ein verräterisches Zitat zu einem weiteren ärztlichen Reizwort: „… die Arbeit (an der EBM) stand von Anfang an in der Kritik. ‚Damals gab es den Generalverdacht, man wolle nur die Kosten dämpfen’, erinnert sich Susanne Weinbrenner, Leiterin der Abteilung evidenzbasierte Medizin am ÄZQ“. Das Vermeiden überflüssiger Kosten scheint sich für viele Ärzte als absolut zwingende Notwendigkeit noch nicht herumgesprochen zu haben. Da irren diese Ärzte ganz gewaltig! (Die möglicherweise nur gemeinte Kritik am falschen Sparen zu Lasten des Programms teilt der Berichterstatter im Übrigen völlig).

 

Das Heft 04/2007 von „Die Zeit Wissen“ ist seinen Preis mehr als wert! http://www.zeit.de/zeit-wissen/2007/04/Betrogener-Patient .

 


02. (Most Wired) Telemedizin braucht mehr als neue Technik

Telehealth Is More than Just Equipment...

Mehr 


03. (ASQ) Mitgliedsorganisation unter den "ethischsten der Welt"

ASQ Organizational Member Named One of “World’s Most Ethical Companies”

Congratulations to Sun Microsystems, Inc., ASQ Organizational member, for being named one of the “World’s Most Ethical Companies” by Ethisphere Magazinehttp://cl.exct.net/?ju=fe2c15737c660778751078&ls=fdee11717261017e731d707d&m=ff2f17797766&l=fe9215767064077a72&s=fde91579776d0d7471107270&jb=ffcf14&t=...

Quelle 


04. (Modern Healthcare) Ärztlicher Widerstand gegen Qualitätsberichterstattung

Quality reporting initiative may be too cumbersome...

Mehr

Anmerkung:
Das kommt einem doch bekannt vor? 


05. (AHA) Privatwirtschaftliche Finanzierung von Effektivitätssteigerungen im Gesundheitswesen

CalPERS to invest $700 million in health care innovations

The California Public Employees’ Retirement System (CalPERS), the nation’s largest pension fund, will invest $700 million in health care ventures that address inefficiencies in the health care sector...

Quelle


06. (AHA) Bereitstellung früherer Verschreibungen auch im Katastrophenfall

Service to offer patient Rx histories in disaster

... For more information, visit www.ICERx.org or call (888) 423-7950.

http://www.icerx.org/


07. (AHA) Kampagne für Patientenverfügungen in 20 Sprachen

Campaign will distribute advance directives

... in a campaign to help patients and families make important advance decisions about their end-of-life care. ...

http://www.agingwithdignity.org/

Anmerkung:
Auch wenn viele deutsche Ärzte und Ärztefunktionäre dies immer noch anders sehen mögen: Es geht um den Patienten. Die Vorstellung einer willkürlichen Bevormundung am Lebensende durch den Arzt ist unerträglich!


08. Links

Patient Flow E-Newsletter, Volume 4, Issue 2 May/June 2007, Special Focus Issue - Putting Kids First

KStA: Der Arzt an der Supermarktkasse  

FTD: Nach der Privatisierung läßt sich mit defizitären Krankenhäusern satt Geld verdienen. 

(epd) Größtes evangelisches Krankenhaus entlässt Hauptgeschäftsführer

FAZ: An der Frankfurter Uniklinik wird aufgeräumt

ACEP-Guideline: Care of Children in the Emergency Department: Guidelines for Preparedness

Bill Gates and Steve Jobs onstage together at the D5 conference, talking about each other's contributions to history. (May 31)

http://www.sgipt.org/gesko/arztdich.htm  Korrelation von Arztdichte und Gesundheitsausgaben

Herr von Schröders erklärt die dualistische Finanzierung (ARD-Morgenmagazin: Beitrag und Interview anlaesslich der Gesundheitsministerkonferenz), siehe auch:

http://www.qualitaetsbericht.de/ 

Krankenhausfinanzierung soll überprüft werden

Petition zur Beurteilung der Pflegebedürftigkeit durch Ärzte ("Claims abstecken")

http://www.sgipt.org/medppp/gesch/arzt1900.htm  Arzt 1900 - sehr anregend!

http://www.nachdenkseiten.de/  NachDenkSeiten - die kritische Website (Eine andere, dazu auch noch parteipolitisch eingefärbte Sichtweise - für Denkanstöße aber allemal zu begrüßen)

"Wie steht’s um die Qualität der Versorgung?"

http://www.concepthospital.com/ ConceptHospital: "Ganz futuristisch",  leider nur für Insider und damit nicht nachprüfbar, ob nicht doch nur heiße Luft.

http://www.kma-online.de/ Brandaktuelle Brancheninformationen 

http://www.aerzteblatt.de/v4/news/news.asp?id=28865  Studie: Krankenhäuser rechnen fehlerhaft ab 

 

 

Betrogener Patient: Ein sehr informativer Artikel!


09. Buchbesprechung: Oberender, Peter O. (Hrsg.), Clinical Pathways

Book Review

Bewertung (+++) = sehr gut über (0) = neutral bis (-) = nicht empfehlenswert. Bestellung – soweit nicht ausgeschlossen – durch Anklicken des Titels hier oder über unsere Website www.hmanage.net bei Amazon.

 

 

Oberender, Peter O., Clinical Pathways. Facetten eines neuen Versorgungsmodells (Kohlhammer Krankenhaus) (Taschenbuch), Stuttgart 2005, ISBN-10: 3170174991, ISBN-13: 978-3170174993, AMAZON

Eigentlich sollte dieses Buch nicht besprochen werden. Denn es enthält nur in Spurenelementen, was es nach dem Umschlagtext eigentlich verspricht: Fingerzeige zur Entwicklung und Routine Klinischer Pfade.

 

„Im vorliegenden Buch beleuchten Autoren aus Wissenschaft und Praxis das Themengebiet "Clinical Pathways" aus unterschiedlichen Perspektiven und arbeiten die ökonomischen, medizinischen und juristischen Besonderheiten klinischer Behandlungspfade heraus.  … Der Herausgeber: Prof. Dr. Dr. h. c. Peter O. Oberender ist Ordinarius für Volkswirtschaftslehre, Dekan der Rechts- und Wirtschaftswissenschaftlichen Fakultät sowie Direktor der Forschungsstelle für Sozialrecht und Gesundheitsökonomie an der Universität Bayreuth. Zielgruppen: Führungskräfte und Entscheidungsträger im Krankenhaus; Mitarbeiter in Einrichtungen der Kostenträger“.

 

Doch bei genauerem Hinsehen hat sich herausgestellt, dass dies und jenes unter den darin versammelten Gedankensplittern doch die Lektüre rechtfertigen mag. Eine Übersicht:

 

  1. Clinical Pathways als Zukunftsstrategie des Krankenhauses - eine gesundheitsökonomische Einführung 
  2. Ausgangslage der deutschen Krankenhäuser und veränderte Anforderungen
  3. Clinical Pathways als Prozesssteuerungsinstrument im Krankenhaus
  4. Wer die Prozesse beherrscht, beherrscht das Unternehmen. Die Integration von Clinical Pathways in die Balanced Scorecard
  5. Clinical Pathways als Grundlage einer effizienten Kostenrechnung. Das Modell integrierter Patientenpfade „mipp“
  6. Kostensenkungspotenziale durch Standardisierung
  7. Patientensicherheit und Risk-Management
  8. Evidenzbasierte Medizin
  9. Standards und Richtlinien in Behandlungspfaden. Standardisierbarkeit ärztlicher Leistungen
  10. Auswahl geeigneter Diagnosen und Prozeduren
  11. Ärztliches Handeln im Spannungsfeld zwischen Leitlinien und Therapiefreiheit
  12. Auswirkungen von Clinical Pathways auf das Sozialversicherungsrecht
  13. Clinical Pathways und das ärztliche Berufsrecht

Autorenliste

Nicht einmal ein Stichwortverzeichnis

 

Dazu einige Anmerkungen: 

Zu 1         Clinical Pathways als Zukunftsstrategie des Krankenhauses – eine gesundheitsökonomische Einführung: Allgemeiner Text. Was der mit einer Strategie zu tun hat, wissen wohl nur die Autoren!

 

Zu 2         Ausgangslage der deutschen Krankenhäuser und veränderte Anforderungen: Na ja. Am schönsten der Satz: „Es darf mit Fug und Recht behauptet werden, dass die Bundesrepublik in Bezug auf Qualitätssicherung und –management im Krankenhausbereich bis vor kurzem als Entwicklungsland zu bezeichnen war“. Und heute?

 

Zu 3         Clinical Pathways als Prozesssteuerungsinstrument im Krankenhaus: Theoretischer Studentenkram. „Pfade“ müßte da nicht stehen!

 

Zu 4         Wer die Prozesse beherrscht, beherrscht das Unternehmen. Die Integration von Clinical Pathways in die Balanced Scorecard: Der Autor sollte sich in Sachen BSC erst einmal sachkundig machen!

 

Zu 5         Clinical Pathways als Grundlage einer effizienten Kostenrechnung. Das Modell integrierter Patientenpfade „mipp“: Wer „mipp“ immer noch nicht kennt, kann hier nachlesen, was sich hinter dem Kürzel verbirgt.

 

Zu 6         Kostensenkungspotenziale durch Standardisierung: Sehr allgemeine Ausführungen mit einigen internationalen Beispielen.

 

Zu 7         Patientensicherheit und Risk-Management: Schrappe bürgt für einen soliden Inhalt! Doch den Bezug zu den Klinische Pfaden muß man sich schon selbst denken.

 

Zu 8         Evidenzbasierte Medizin: „Basics“ von Prof. Dr. med. Hans Reinauer zur Evidence based medicine, die sich endlich auch die deutsche Ärzteschaft hinter die Ohren schreiben sollte! Zitat: „Der Begriff „Evidenz“ bedeutet ein subjektives Erlebnis, eine Überzeugung. Er bedeutet aber nicht Beweis. Popper hat den Begriff „Evidenz“ aus der Wissenschaft verbannt“.

 

Zu 9         Standards und Richtlinien in Behandlungspfaden. Standardisierbarkeit ärztlicher Leistungen: Prof. Dr. med. Günter Ollenschläger et al schreiben Lesenswertes zu ihrem Thema: Doch wo bleiben die Klinische Pfade?

 

Zu 10     Auswahl geeigneter Diagnosen und Prozeduren: Na ja.

 

Zu 11     Ärztliches Handeln im Spannungsfeld zwischen Leitlinien und Therapiefreiheit: Juristischer Eiertanz. Wer sich damit noch nicht befasst hat, sollte so etwas unbedingt lesen! Die Konsequenz ist kaum schlüssig.

 

Zu 12     Auswirkungen von Clinical Pathways auf das Sozialversicherungsrecht: Weitere – lesenswerte – juristische Feinheiten.

 

Zu 13     Clinical Pathways und das ärztliche Berufsrecht

 

Ein typisches “Me Too“-Produkt. Gesamteindruck: Thema verfehlt! Wahrscheinlich war das Wort „Facetten“ – den potentiellen Käufer irreführend – sehr genau überlegt. Besser hätte dort stehen sollen: „Gedankensplitter“. Als solche hier und da lesenswert. (Zwischen + und 0).

 

 

  

Anmerkung: Hier werden nur Bücher und Texte besprochen, die der Rezensent aus persönlicher Einschätzung für die Arbeit in Gesundheitseinrichtungen empfiehlt, oder ärgerliche, deren Kauf und Lektüre man sich sparen sollte. – Zu weiteren Buchempfehlungen sehen Sie auch in unsere Website!


10. Widerspruch: Lauterbachs Erzählungen.

An dieser Stelle finden Sie Stellungnahmen zu Nachrichten aus dem deutschen Gesundheitswesen, die nicht unkommentiert bleiben sollen, (oder auch gelegentlich Anregungen aus dem Ausland, die hier beachtet werden sollten).

 

 

Lauterbachs Erzählungen.

 

Karl Lauterbach, Prof. Dr. Dr. (Harvard), SPD-MDB, hat wieder einmal zugeschlagen. Und alle Welt beschäftigt sich mit seiner neuen Kampfschrift „Der Zweiklassenstaat“. Die Eigenpromotion hat ihm der ‚Spiegel’ ermöglicht („Unsere Gegner sind die Patienten. Teuer, demütigend und aus Prinzip unsozial“). Auf den dortigen Inhalt stützen sich die folgenden Ausführungen, ohne auf sein Lieblingsthema der „Zweiklassenmedizin“ allzu sehr einzugehen. Es gibt auch so genug im Text, was nicht unwidersprochen stehenbleiben oder dem man – auch das gibt es! – nur zustimmen kann.

 

Lauterbach schreibt von Ärzten, die ihre Patienten in Krankenhäuser schicken, in die sie selbst nicht gehen würden. Er konstatiert „gigantische Qualitätsunterschiede“ unter den Ärzten, ohne allerdings dem Leser auch nur den geringsten Hinweis zu gönnen, woran man denn „sehr gute Leute“ erkennen kann. Das weiß er auch nämlich nicht, denn das liegt bis heute völlig im Dunklen.

 

Auch eine andere Aussage ist ziemlich schief: Die bloße Tatsache, einen Chefsessel im Uniklinikum erklommen zu haben und in der Konsequenz nur noch Privatpatienten zu behandeln, macht aus „Zwerge(n)“ noch lange keine „Giganten“! Zudem gibt es heute genügend Hinweise (wenn leider auch keine soliden Studien), dass wirklich erfahrene Profis eher auf der zweiten hierarchischen Ebene zu finden sind. „Renommierte Chefärzte einer Universitätsklinik“ müssen keineswegs die besten Ärzte sein! Sie könnten auch aus ganz anderen Gründen an ihren Posten gekommen sein. Insgesamt tendiert die Transparenz – so oder so – zum Thema hierzulande immer noch eher gegen Null. Da hilft dem interessierten Patienten auch kein noch so intensives „Shoppen“ (Lauterbach).

 

Wir lesen im Text: „Die gesetzlich Versicherten werden häufig durch die unerfahrenen Ärzte behandelt, die sich gerade in der Ausbildung befinden“. Es wäre interessant zu erfahren, wie Herr Lauterbach das wohl beweisen will! (Dass man hierzulande nach wie vor auf breiter Ebene die professionelle Indikationsstellung dadurch verzögert, dass man zunächst die Anfänger zum Üben vorschickt, scheint dagegen weitgehend gesichert zu sein). Oder sieht sich Lauterbach auch längst als prominentes Mitglied jener Ärztekaste, die „eminenzbasierte“ Behauptungen aller Art völlig ungestraft in die Welt setzen darf?

 

Lauterbach schreibt: „Ein Gramm Gehirn des Spezialisten kann mehr helfen als eine tonnenschwere Bestrahlungskanone“. Das ist interessant: Doch dass „die Fachleute die am schwersten erkrankten und auch medizinisch interessantesten Fälle oft gar nicht sehen, weil diese zu 90% gesetzlich versichert sind“, müßte wohl erst noch bewiesen werden. Wir lesen: „Mehr als die teuren Geräte und Medikamente zählen die Köpfe, die diese … richtig einsetzen“. Und die sollen wirklich nur unter jener Gruppe der Ärzte zu finden sein, denen das Privileg der Abrechnung von Privatpatienten zugestanden worden ist? Lauterbach kritisiert, dass die „Zeit der Superspezialisten … oft für Trivialeinsätze verschwendet“ wird. Selbst wenn das stimmen sollte: Wie will er das ändern? Indem er das Behandeln von Privatpatienten verbietet? Oder für „Zweitmeinungen“ eine Art Quotenreglung einführt?

 

Lauterbach zementiert auf seine Weise das Arztbild des einsamen Heroen. Doch ein Sauerbruch zu sein, mag sich mancher deutsche Chefarzt durchaus noch einbilden. Der Realität entspricht das damit noch lange nicht: „Ein genialer Wissenschaftler und Eigenbrötler, der die Patienten nicht ausreichend hofiert … wird den Lehrstuhl wohl gar nicht erst bekommen … weil er nicht genug Private in die Klinik bringt … Wer also davon ausgeht, dass an der deutschen Universitätsklinik immer der beste Forscher und Kliniker berufen würde, liegt falsch“. Das mag schon stimmen. Dass aber stattdessen der Verkaufsprofi bevorzugt wird, wird heutzutage durch Nichts belegt. Eminenzbasiert?

 

Wenn Herr Lauterbach – ein weiterer Punkt – wenigsten Belege dafür bringen würde, dass „teure Arzneimittel“ zwangsläufig wirksamer seinen, wäre einem schon wohler. Doch das unterstellt er offensichtlich nur, weil es in die Polemik passt. Doch bei einer Forderung des § 12 SGB V nach einer „ausreichenden“ Behandlung für GKV-Versicherte ist keineswegs eine Schulnote gemeint. In der Praxis passiert es wohl häufiger, dass privat und gesetzlich Versicherte Medikamente verschrieben bekommen, deren Wirksamkeit zweifelhaft ist. Oder die ihnen von vornherein nicht nutzen.

 

Herr Lauterbach schreibt, was ins Feindbild passt. Das Gegenteil läßt er weg: „Daher ist auch die häufig gehörte Geschichte falsch, die privat Versicherten würden nicht besser versorgt, weil an ihnen eher zu viel gemacht würde“. Das hat schon vor Jahrzehnten Pflanz anhand der Zahl der Blinddarmoperationen belegt. Das hat der Autor dieser Zeilen im Laufe seines Berufslebens auch x-mal von Krankenhausärzten gehört: Klinische Pfade würden von ihren Chefs schon deshalb nicht akzeptiert, weil sie die Therapiefreiheit bei Privatpatienten einschränkten. Letztere dürften danach wohl eher öfter „überflüssige Operationen oder medizinische Untersuchungen mit hohen Komplikationsraten“ über sich ergehen lassen als GKV-Versicherte (ohne Zusatzversicherung).

 

Doch wir lesen auch etliches, was sich ohne weiteres unterschreiben ließe: „In den Vereinigten Staaten wurde schon früh durch wissenschaftliche Studien bewiesen, dass sich Spezialisierung für den Patienten lohnt“. Das bedarf eigentlich kaum „wissenschaftlicher Studien“! Es liegt auf der Hand, dass eine Konzentration aufs Wesentliche einhergehend mit mehr Übung zu besseren Ergebnissen führen muß! Wir lesen weiter: „… schon ein Blick in die Vereinigten Staaten, die skandinavischen Länder oder Kanada (würde) genügen, um zu sehen, dass unsere Kliniken etwa doppelt so viele Patienten aufnehmen wie diese Länder – mit der Ausnahme von Privatpatienten, die auch ambulant kostendeckend abgerechnet werden können … Bezeichnenderweise muß … kein Arzt fürchten, dass sein Überweisungsverhalten kritisch durchleuchtet wird. Die Daten liegen nur der organisierten Ärzteschaft vor“. (Das hat wohl kaum etwas mit der These vom Zweiklassenstaat zu tun! 

 

„Nichts unterscheidet das deutsche Gesundheitssystem strukturell stärker von anderen europäischen Systemen als die strenge Trennung des ambulanten und des stationären Bereichs für gesetzlich Versicherte“. Das macht man überall anders! „Nicht umsonst haben wir die höchste Facharztdichte im europäischen Vergleich … wahrscheinlich die größte Quelle von Unwirtschaftlichkeit und Ungerechtigkeit im deutschen Gesundheitssystem. Da ist nur eine wichtige Quelle der Geldverschwendung. „Eine viel wichtigere Rolle (so Lauterbach) spielen die überflüssigen Krankenhauseinweisungen und die Untersuchungen und Behandlungen, die überhaupt nicht notwendig sind oder in zu kurzen Abständen wiederholt werden“. Das ist überall auf der Welt ein Phänomen, wo man es den Ärzten allein überlässt, bewusst oder unbewusst (es kann auch nur sportlicher Ehrgeiz im Spiel sein!) ihr Einkommen zu Lasten der Versicherten zu maximieren.

 

Ob man Lauterbach in seiner These von einer „Zweiklassenmedizin“ nun folgen mag oder nicht: In einem Punkt ist im aufs Vehementeste zu widersprechen: In seinem – trotz überwältigender Belege für das letztendliche Scheitern jeder Form des „realen Sozialismus“ – offensichtlich ungebrochenen Glauben daran, mehr Staat werde es schon richten: „Immer aber denkt Lauterbach von staatlichen Systemen her; auf diese ist sein Buch fokussiert … Entscheidend ist ein anderer Punkt: Alle Vorschläge lassen sich unter der Überschrift ‚Verstaatlichung und Vereinheitlichung’ zusammenfassen. … Karl Lauterbach hat eine heilige Scheu davor, auch nur ein einziges Mal mit dem Finger auf die Bürger statt immer auf den Staat zu zeigen. … Es ist nicht allein die Staatsfixiertheit. Es ist die vollkommene Ausblendung des Gedankens der Freiheit, die vollständige Abwesenheit eines Liberalismus etwa im Sinne Ralf Dahrendorfs: Lasst uns die Freiheit nicht absolut setzen …“ Paul Nolte in Die Zeit Nr. 26 vom 21. Juni 2007. Das macht Lauterbachs Erzählungen in der Tat so gefährlich. Vielleicht glaubt nämlich hierzulande sogar irgendwann eine politische Mehrheit der Dummen daran und macht sich daran, unser überteuertes, aber bisher – alles in allem doch ganz ordentlich funktionierendes – Gesundheitswesen auch noch richtig zu DDRisieren!

 

Nachdem es genügend Gelegenheit gab, die Inhalte seiner neuesten wissenschaftlichen Veröffentlichung im Spiegel, in Talkshows und allerlei Besprechungen in den Printmedien über sich ergehen zu lassen, muß man sein Buch wohl kaum noch kaufen. Wir werden es jedenfalls nicht kaufen, auch wenn uns dadurch einige Nuancen seiner (in Vielem schon immer durchaus realitätsnahen) Zustandsbeschreibungen entgehen mögen. Seine Botschaft ist hinlänglich bekannt. Es gibt gute Gründe, sie nicht sonderlich überzeugend zu finden: "Wer in Lauterbachs Welt lebt, braucht sich mit simplen finanzwirtschaftlichen Grunddaten nicht lange herumzuschlagen" (FAS vom 17. Juni 2007 Nr. 24) .Sozialismus ist teuer und funktioniert nicht. Zumindest auf die Dauer. Wirklich!

Siehe auch: Kritik am Gesundheitssystem: Von Kassen und Klassen